Diese Silvesterkarten waren heiß begehrt und doch hatte es Michael geschafft, eine zu ergattern. Er war unheimlich stolz auf sich. Er hatte der Kartenverkäuferin vorgegaukelt, dass er einer von den VIP-Gästen war und sie hatte es ihm abgekauft.

Noch schnell die Fliege gebunden und schon konnte es losgehen. Es war eine sehr glamouröse Veranstaltung, von daher war der Anzug Pflicht. Doch nichts kam an seine Jeans heran.

 

Als er mit dem Auto vorfuhr, wurde er exklusiv behandelt. Und er genoss es in vollen Zügen. Er schob sich bis zur Theke und bestellte erst einmal ein Bier, welches er zügig trank. Die Fliege allerdings schnürte ihm die Kehle zu.

„Michael? Was machst du denn hier?“

Ob es nun an der Fliege lag oder an der ihm bekannten Stimme, mit der er nicht gerechnet hatte, das wusste er nicht. Er wusste nur, dass er sich gerade sehr blamierte, als er versuchte, den Schluck Bier, den er im Mund hatte, würdevoll hinunter zu bekommen.

„Grit?“, ächzte er.

„Entschuldige, hab ich dich erschreckt?“, lachte sie ihn an und klopfte ihm den Rücken.

Er konnte noch immer nicht antworten und starrte sie an.

„Hier, trink! Kleine Schlucke, dann geht’s wieder. Aber das war früher schon so, nicht wahr?“ Sie lachte noch immer und er vergaß, den Mund zuzumachen.

Das nahm sie ihm ab und tippte ihm ans Kinn. Dann reichte sie ihm noch einmal das Glas Wasser, bis er endlich reagierte.

„Sorry, aber ich hatte nicht damit gerechnet, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Dich zu sehen! Es ist lange her, oder?“ Jetzt war er wieder der Mann, der er vor dem Bier war. Cool, lässig und ein bisschen arrogant. Er bestellte ihr einen trockenen Martini, den sie so mochte und führte sie dann von der Theke weg.

„Komm mit, setzen wir uns in eine Ecke, wo es ruhiger ist. Man versteht ja sein eigenes Wort nicht.“

Sie nickte und ließ sich galant in den VIP-Bereich führen.

„Wie kommt’s denn? Du in dieser Zone? Warst du nicht bei deinem Vater im Betrieb? Als Praktikant?“ Sie klang neckend.

„Mach dich nur lustig.“, entgegnete er missmutig. „Aber was würdest du tun, wenn du unbedingt auf diese Party willst und keine Beziehungen hast? Da muss man sich eben was einfallen lassen und hoffen, dass es keiner mitbekommt.“ Und so erzählte er ihr, was er unternommen hatte. Sie bekam schon wieder einen Lachanfall.

Jetzt musste er auch grinsen und beobachtete sie, wie sie versuchte, ihr Make-up zu retten. Sie sah noch immer so gut aus, wie damals, als sie sich in der Schule getrennt hatten. Aber die drei Jahre hatten ihr gut getan.

„Und was hast du so gemacht? Bist du nicht auf die Uni gegangen?“ Sie nickte bestätigend. „Und welche Richtung?“, wollte er interessiert wissen und betrachtete neugierig ihr Cocktailkleid.

Sie bemerkte seinen Blick und grinste ihn an. „Du liegst ganz richtig. Ich stand doch schon immer auf Mode und da gab es für mich nur eine Richtung, in die ich studieren wollte. Es macht sehr viel Spaß und mit genügend Anleitungen und sehr viel versprechenden Ideen kann man eine Menge selber entwerfen. Und das dann noch selber zu tragen und interessierte Blicke zu ernten … Dieses Gefühl ist unbeschreiblich.“ Sie lächelte ihn jetzt offen an.

„Dann brauchst du wohl nicht etwas vorgeben, was du nicht bist, oder?“ Er nahm noch einen Schluck von seinem neuen Bier und öffnete endlich seine Jacke. Sie nahm interessiert zur Kenntnis, dass er sich in diesen drei Jahren gemacht hatte. Die Arbeit bei seinem Vater schien ihm gut zu tun und seinem Körper.

„Nein, musste ich nicht. In den Semesterferien habe ich in bekannten und seriösen Boutiquen und Designersalons gearbeitet und meine Technik verfeinert. Und dadurch habe ich viele Beziehungen aufgebaut und bin so an die Karten gekommen.“

Er grinste sie an und hatte wieder diesen seltsamen Blick, der sie ganz schwindelig machte. Sie schloss kurz ihre Augen und als sie sie wieder öffnete, waren seine auf ihre Lippen gerichtet.

„Ich muss dich jetzt mal was fragen. Aber zuerst: Wollen wir tanzen?“ Als er mit großen Augen dasaß und dann verdutzt nickte, lächelte sie und zog ihn auf die Tanzfläche. Er konnte wirklich ausgezeichnet tanzen.

„Was wolltest du mich fragen?“, fragte er lächelnd, als er ihre Begeisterung bemerkte.

Sie senkte schüchtern ihren Blick und wurde leicht rot. Da nahm er ihr Kinn und hob es hoch. „Du kannst mich alles fragen, das war doch auch schon immer so.“ Er lächelte sie warm an. „Also?“

„Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, ohne dass es peinlich klingt.“ Sie haderte noch immer mit sich und gab sich einen Ruck. „Hattest du damals was für mich empfunden?“ Sie sah seinen erstaunten Blick und senkte wieder die Augen. Als sie sie wieder hob, lächelte er sie schon wieder an. Sehr ermutigend. „Und wie ist es jetzt?“, fragte sie leise.

10 … 9 … 8 …

„Weißt du das wirklich nicht?“, fragte er genauso leise.

7 … 6 … 5 …

„Ich habe vielleicht eine Ahnung, aber sicher bin ich nicht.“

4 … 3 … 2 … 1!

Da zog er sie an sich und gab ihr den Kuss, nachdem sie sich schon vor drei Jahren gesehnt hatte. Sie schmolz dahin, doch er hielt sie fest.

„Happy New Year!“