Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.

 

Ein paar Tage zuvor saß Jens Roth in einer heruntergekommenen Bar und trank sein Bier. Nach einiger Zeit brach er auf. Sein Kumpel wollte ihn stützen.

„Lass mich in Ruhe!“, lallte er.

André probierte es noch einmal und holte sich diesmal ein paar lockere Zähne.

„Ich sagte, lass mich in Ruhe!“, schrie er. Dann drehte er sich um und wankte aus der Kaschemme. Nicht ohne etwas zu verlieren, nachdem André sofort griff, als er sich aufrappelte.

André las den Brief und konnte nur noch den Kopf schütteln.

Er sah Jens hinterher, doch dieser war schon weitergewankt. Da marschierte André hinterher, holte seinen Freund ein und machte die Tür auf. Jens ließ sich dankbar reinfallen.

Am nächsten Tag musste Jens wieder auf Arbeit. Dann fiel sein Blick auf den Brief und er warf den Aschenbecher an die Wand. Die Sauerei fiel ihm gar nicht auf. Es war ihm einfach egal. Aber er rang sich durch, zog sich an, warf noch einen Blick auf den Brief und verschwand durch die Tür.

 

„Mein lieber Sohn,

ich werde sterben. Ich wollte dich noch einmal sehen, ehe der Krebs mich vollkommen hinrafft. Aber ehe wir uns sehen, muss ich dir noch etwas beichten. Ich schleppe diese Bürde nun schon seit Jahren mit mir herum, aber ich habe nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. Ich hinterlasse in meinem Testament eine Menge Schulden, aber das weißt du ja schon. Und es tut mir sehr leid.

Aber die große Bürde ist eine andere Geschichte. Eigentlich wollte ich es dir nie erzählen, da du deine Frau eh’ nicht mehr siehst. Allerdings liegt das nicht an eurem Scheidungskrieg, sondern an der Krankheit, die sie befallen hat. Aber das erzähle ich dir gleich. Deine Exfrau liegt schon im Krankenhaus und wird behandelt, aber die Ärzte sehen keine Chance.

Und das bringt mich zum eigentlichen Kern. Deine Tochter soll zu dir kommen, da du ihr einziger noch lebender Verwandter bist. Aber nicht in dem Sinn, wie du es vermutest oder glaubst zu wissen. Was die Behörden nicht wissen, ist, dass ich, dein Vater, ihr Vater bin. Das Mädchen ist nicht deine Tochter sondern deine Schwester. Deine Ex und ich hatten ein kurzes Verhältnis, ein sehr kurzes. Es passierte in der Zeit, als du auf Geschäftsreise warst. Ich bin ja nun kein alter Knacker gewesen und auf deine Frau war ich ja schon immer scharf. Es klingt hart, ich weiß, aber du bist einfach nicht Manns genug. Sie hatte sich ein Kind gewünscht und du warst dafür nicht in der Lage. Punkt.

Das ist die eine schwere Bürde, die ich dir noch hinterlasse, ansonsten hatten wir uns ja noch nie viel zu sagen. Ich werde trotzdem kommen, dir noch ein letztes Mal ins Gesicht lächeln und dann gleich wieder zurückfahren. Wenn du so lieb wärst, dann könntest du mir gleich eine Karte kaufen. Ein letzter Gefallen für einen sterbenden Mann, wie man so schön sagt.

Dein dich liebender Vater“

 

In dieser Nacht fuhr der Zug ein und hatte eine viertel Stunde, ehe er die Rückreise wieder antreten konnte.

Jens wartete schon am Bahnsteig, als sein Vater auf ihn zukam. Er hielt ihm die Karte hin und sie starrten sich an. Doch er lächelte zuerst.

„Danke, dass du meiner Frau das Geschenk machen konntest, zu dem ich nicht fähig war. Das lag allerdings an dir. Denn schon mir hattest du die Krankheit eingepflanzt. Und nicht nur du hattest sie mit verseuchtem Saft geimpft, sondern auch ich. Deshalb starb sie wahrscheinlich auch so schnell. Nämlich gestern. Hier ist deine Tochter, nimm sie mit. Ich habe für sie keine Verwendung. Außerdem ist sie genauso krank und hat nicht mehr lange zu leben. Das haben mir die Ärzte schon bescheinigt. Habe ich noch etwas vergessen? Ach ja, ich hasse dich. Ich habe dich schon immer gehasst und jetzt kann ich es dir mit einem Lächeln sagen. Das wolltest du doch, nicht wahr? Dich mit einem Lächeln verabschieden.“ Jens hatte diese Worte ruhig gesagt, als würde er mit einem seiner Geschäftspartner über die neuesten Pläne reden.

Sein Vater hatte nichts mehr zu sagen, nahm die Hand seiner Tochter und verschwand mit ihr im Zug.

Nachdem der Zug aus der Halle gefahren war, drehte sich Jens Roth um, streckte seine Hände aus und hielt sie den verwirrten Polizisten hin.

„Wir verstehen nicht, warum wir Sie verhaften sollen. Sie haben doch nichts verbr….“ In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, Stichflammen, dicke Rauchwolken schossen zum Himmel empor. Man musste sich die Ohren zuhalten, einige husteten schon, als der erste Gestank in ihre Richtung wehte und dann brach das Chaos aus. Als man zu Herrn Roth schaute, hielt er ihnen noch immer die Hände entgegen, mit einem grimmigem Lächeln. „Sie haben allen Grund, mich festzunehmen.“