Ich stand also im strömenden Regen vor der Telefonzelle und hörte dieses seltsame Telefongespräch. Da hatte aber jemand eine blühende Fantasie. Denkt doch wirklich, er wäre in Ägypten …

 

Als die junge Frau aus der Zelle trat, wich ich schnell aus, da sie so schwungvoll die Tür aufstieß.

„Warte mal, Lisa. Hast du kurz Zeit?“ Wir stellten uns bei einer überdachten Haltestelle unter.

„Hey, Claudia. Und wie geht es dir so? Was hältst du denn von diesem bescheidenen Wetter? Also mit Sommer hat das nichts zutun.“

„Da kann ich dir nur zustimmen. Aber das scheint deine Laune nicht gerade zu beeinträchtigen, oder wie sehe ich das?“ Ich schaute sie an, damit sie verstand, dass ich ihr Gespräch gehört hatte.

Aber sie verstand es nicht, oder sie wollte es nicht verstehen. Das weiß man bei Lisa ja nie so. Sie hatte schon immer einen recht seltsamen Charakter.

„Ich will dir ja nicht hinterspionieren, aber ich hatte durch Zufall dein Gespräch gehört. Warum sagst du, dass du in Ägypten bist? Würde die Person, der du das erzählst, nicht dahinter kommen, dass du gelogen hast?“ Ich schaute sie offen an und konnte ihre Verlegenheit sehen.

Lisa seufzte. „Du hattest ja schon immer gute Ohren. Und immer hörst du Sachen, die nicht immer gut für dich waren."

Ich konnte sie nur noch angrinsen. Dann setzten wir uns auf die Bank.

„Du kennst doch meine anderen Freunde, oder?“ Ich nickte widerwillig. Ich kannte sie wirklich und sie hatten keinen guten Eindruck auf mich gemacht.

„Nun ja, einige sind sehr wohlhabend und ich habe schon immer versucht, in ihre Kreise zu gelangen. Bis vor einiger Zeit konnte ich das total vergessen. Sie hatten mich ausgelacht und verhöhnt. Ich wäre ein Nichts, sagten sie mir. Und dann gingen sie und hatten die übelsten Reden über mich geschwungen. Aber letztes Jahr hatten wir eine tolle Reise gewonnen: eine Weltreise an die exklusivsten Orte dieser Erde. Und was habe ich gemacht? Anstatt leise zu genießen, habe ich rum geprotzt. Reich geerbt und so weiter. Ich habe mir eine paar heiße Klamotten zusammengespart, damit ich auch noch nach der Reise angeben konnte. Und es hatte geklappt. Sie fressen mir aus der Hand.“ Wieder seufzte sie traurig auf.

„Aber warum Ägypten?“, fragte ich sie.

„Warum nicht? Ich liebe Ägypten, es ist mein absolutes Traumland. Ich habe überall Bilder hängen und weiß sehr gut über dieses Land Bescheid. Was denkst du, wie gut es klingt, dass ich im Schatten unter Palmen liege, mir Drinks servieren lasse oder eine herrliche Bootsfahrt mit einem reichen Kerl mache? Oder dass ich eine neue Freundin, Ala hieß sie, gefunden habe, die die Schwester dieses Gurus ist? Gut, es ist vielleicht etwas übertrieben, dass sie fast von einem Hai gefressen wurde, aber was will man machen, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen?“

Ich hatte ihr aufmerksam zugehört und noch ein paar Informationen bekommen, die ich nicht ganz verstanden hatte.

„Aber warum brauchst du denn die Aufmerksamkeit von diesen Schnepfen? Warum suchst du dir denn nicht richtige Freunde? Welche, auf die zu zählen kannst? Ich verstehe dich nicht. Stattdessen lügst du denen was vor.“ Lisa zuckte nur mit den Schultern. „Und wie willst du denen erklären, dass du nicht ein Fleckchen Bräune an dir trägst, wenn du aus dem sonnigen Ägypten kommst? Und sicher hast du doch eine Postkarte geschrieben, oder?“ Ich bin aber auch neugierig, aber ich kann es nicht lassen.

„Was denkst du denn, was ich ihr gesagt habe? Bräune ist so was von unmodern, wer will denn noch wie Leder aussehen? Frische ich jetzt angesagt und die kriegst du nur durch vornehme Blässe hin. Sicher, ein kleiner Hauch von Bräune, aber doch nicht knusprig verbrannt. Und Postkarten? Natürlich habe ich eine geschickt, aber was kann ich dafür, wenn die ab und zu verschwinden?“ Sie lächelte mich jetzt richtig an, als wenn ihr dieses Lügengespinst Spaß machte.

„Und natürlich muss das einmal im Jahr sein?“

Sie grinste mich schon wieder an. „Du und deine Ohren, ich schneide sie bald ab.“ Sie schüttelte nur noch den Kopf und verfiel wieder in ihren hochnäsigen Ton, wie sie wahrscheinlich mir ihren „Freundinnen“ sprach. „Natürlich muss man einmal im Jahr solch eine Reise machen. Wir würden ja öfters verreisen, aber man muss ja auch mal zuhause was machen, eventuell arbeiten und sich um die guten Freunde kümmern.“ Sie lachte aus vollem Halse und hatte schon Tränen in den Augen. Doch dann weinte sie wirklich und ich nahm sie in die Arme.

 

Nachdem sie sich erholt hatte, gingen wir nach Hause. Ich hatte einen weiteren Weg als sie und ich musste mich unbedingt an den Tisch setzen und meiner besten Freundin davon berichten. Sie würde auch nur mit dem Kopf schütteln und sich scheckig lachen. Wir brauchten keine reichen Freunde, wir kamen auch so aus und litten nicht an so einer Krise.