Juliane wollte gerade die Tür zu ihrem Büro zuschließen, als noch ein Anruf rein kam. „Wer ist das denn noch? Bin doch eigentlich gar nicht mehr da.“ Aber Journalisten können auch nicht Nein! sagen.

Sie warf ihre Handtasche in die Ecke neben dem Fenster, ließ sich frustriert in den Ledersessel fallen und griff gereizt zum Telefon. „Glamour – Redaktion, Juliane Sommer am Telefon. Was kann ich für Sie tun?“ Selbst bei gereiztester Stimmung konnte sie noch wie ein Engel klingen.

„Jule? Zum Glück habe ich dich noch erreicht. Hier ist Stefan.“

„Stefan?“ Und dann beklommenes Schweigen.

 

Wer war Stefan? War es mein Spielkastenfreund? Meine erste große Liebe? Oder mein Exmann, von dem ich seit drei Jahren nichts mehr gehört habe? Sie hießen alle Stefan und nun wusste sie nicht, mit welchem sie es zutun hatte. Denn alle hatten eine Gemeinsamkeit: Mit ihnen hatte sie keine guten Erfahrungen gemacht.

Und während sie noch überlegte … „Jule? Bist du noch dran? Hallo?“

„Ja, ich bin noch dran. Entschuldige bitte die Frage, aber welcher Stefan bist du? Ich erkenne dich nicht an der Stimme.“ Wer war er? Sie wurde immer unruhiger. Hatte ihr Ex sie doch gefunden? Das wäre gar nicht gut.

„Ich verstehe dich schon.“ Er versteht mich? „Du warst ja schon immer ein sehr aufgewecktes Mädchen gewesen und da ist dir ein heimlicher Bewunderer nie aufgefallen.“ Er schwieg einen Moment.

Wer war er? Konnte es sein …? Eine leise Erinnerung tauchte in ihrem Gedächtnis auf. Von einem pickeligen, schlaksigen Kerl, der in der Klasse nur selten etwas gesagt hatte. Und sie hatte das Vergnügen gehabt, auch noch das Abitur mit ihm zu schaffen. Aber sie fragte ihn nicht. Er sollte ihre Vermutungen bestätigen. Aus einem unerfindlichen Grund wollte sie eigentlich nichts mit ihm zutun haben. Er war weiß Gott nicht ihr Typ gewesen.

„Weißt du es denn immer noch nicht?“ Er klang jetzt ein wenig enttäuscht.

„Nimm es mir nicht übel. Ich heute schon einen anstrengenden Tag hinter mir und morgen wartet wieder einer auf mich. Mein Kopf funktioniert nicht mehr so richtig.“ Das war zwar eine Finte, aber vielleicht fiel er ja darauf herein.

„Dann will ich dir mal auf die Sprünge helfen. Ich saß immer zwei Tische vor dir, sei es nun in der Mittelschule oder im Abitur.“ Noch einmal Ruhe. „Stefan Kaiser.“

Ich wusste es. Und was will er jetzt von mir? „Ach, der Herr Kaiser.“ Sie zog ihn auf. „Schön, mal wieder von dir zu hören. Was willst du? Wie waren nicht gerade die besten Freunde. Ist etwas passiert? Oder steht etwas an?“ Sie war schon immer gerade heraus gewesen und das hatte ihn, soweit sie sich erinnerte, immer abgeschreckt.

Aber was jetzt kam, darauf war sie nicht vorbereitet, denn es kam völlig unerwartet.

„Morgen, 14 Uhr, am Schwanenteich, neben dem ehemaligen Spielplatz, auf der großen Wiese.“ Und dann legte er einfach auf.

Was hatte der Kerl vor? Spinnt der? Hier einfach anzurufen, sich wie Zeus aufzuspielen und zu erwarten, dass ich springe, wenn er mit seinen Blitzen warf? Juliane zerknüllte die Nachricht in einer wütenden Faust. Doch dann besann sie sich. Sie glättete sie wieder und las sie noch einmal durch. Und überlegte … Und sie kam zu einem lustigen Schluss. Der wird sich wundern. Er wird eine Juliane kennen lernen, die er nicht erwartet hätte. Schließlich hatte sie nicht nur dir Handtasche vom Flohmarkt, sondern noch viele andere Accessoires, die eine Zigeunerin neidisch gemacht hätten.

 

Sie fuhr mit dem Bus zum Treffpunkt. Der wird sich wundern. Immer wirder sagte sie sich das vor und hatte ein schelmisches Grinsen im Gesicht.

Und genau dieses Grinsen verriet sie. Denn auch Stefan hätte sie beinahe nicht erkannt. Sie war ja schon immer ein wildes Mädchen gewesen und er hatte angenommen, dass einige Jahre sie hatten ruhiger werden lassen. Aber das Gegenteil war eingetreten. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und konnte ein Lächeln nicht verbergen. Er wusste genau, was sie vorhatte und es war ihr misslungen. Sie wollte ihn schockieren, mit ihrem Auftreten, ihrer Kleiderwahl, die ihr ungeheuerlich gut stand und diesem ganzen Tamtam, was sie sich umgehängt hatte. Stefan hatte wirklich arg Mühe, sein Grinsen zu verbergen. Er beobachtete sie weiter, als sie auf die Wiese schritt.

Juliane erschien auf dem Feld des Lebens. Es war weit und breit niemand zu sehen, denn sie gingen an einem Wochentag aus, wenn man es so bezeichnen konnte. Dort stand nur ein Mann und das konnte er unmöglich sein. Denn wenn er es war, dann war er bei einem Schönheitschirurgen gewesen, hatte Jahre auf einer Beautyfarm verbracht und außerdem Anabolika gefrühstückt. Aber sie sah niemand anderen und es war auch schon fünf Minuten nach der Zeit. Und er war ein Typ gewesen, der die Pünktlichkeit sehr ernst genommen hatte.

Sie sah sich den jungen Mann noch einmal genauer an und konnte eine leichte Ähnlichkeit feststellen. Er sah sie unverwandt an. Sollte er es wirklich sein? Konnte ich so viel Glück haben?

Juliane ging langsam auf ihn zu und sah ihn an. Betrachtete ihn wie ein seltenes Exemplar einer fast ausgestorbenen Rasse. Er könnte es wirklich sein, sagte ihr Auge, ihr Verstand und ihre Erinnerung.

„Stefan?“, fragte sie ihn zögerlich und blieb zwei Meter vor ihm stehen.

„Und ich dachte schon, du kneifst.“ Dann lächelte er und es warf sie um. So hatte sie noch nie ein Kerl angelächelt. So offen, ohne Hintergedanken, nicht falsch. Einfach nur freundlich und irgendwie verführerisch. Und sie kam sich so dumm vor. Sie wollte ihn verschrecken, mit ihrem Aussehen, ihrem Auftreten, mit allem. Juliane senkte den Kopf und schaute an sich herab. Als sie den Blick wieder hob, hatte sie Tränen in den Augen.

Stefan war sofort bei ihr und nahm sie in den Arm. „Gräme dich nicht. Ich hätte mir denken können, dass du so etwas Verrücktes vor hattest. Aber es hat nicht geholfen. Du siehst zwar ziemlich wild aus, aber doch auch irgendwie anziehend. Die Sachen stehen dir. Es ist süß.“ Er trocknete ihre Tränen mit dem Daumen. „Und jetzt komm. Ich habe einen Bärenhunger.“ Und so führte er sie zu ihrem Picknick.

 

Sie verbrachten einen wunderbaren Nachmittag und redeten die ganze Zeit. Die beiden frischten viele Erinnerungen auf und lachten. Und dann kam Juliane zu einem Punkt, den sie unbedingt geklärt haben wollte.

„Was ich dich noch fragen wollte, wie hast du es geschafft, so gutaussehend zu werden?“ Sie merkte an seinem verzogenen Gesicht, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte.

„Das machst du zu gerne, nicht wahr? In der Vergangenheit rumwühlen und Peinlichkeiten ans Tageslicht zerren. Du weißt genau, dass mich mein damaliges Aussehen ziemlich gehemmt hatte.“ Sie grinste ihn nur an. Er seufzte. „Also gut. Nach dem Abi hab ich noch mal einen Wachstumsschub bekommen, der mir mehr brachte, als vorher. Und ein Mann kann doch auch mal eitel sein, oder nicht? Ich habe die Chance ergriffen und viel Sport getrieben, hab dabei nur an dich gedacht. Ich wollte dich unbedingt noch einmal sehen.“ Er setzte kurz aus und das nutzte Juliane.

„Nur Sport? Du hast nichts geschluckt oder dich unters Messer gelegt?“

Er blitzte sie an. „So eitel bin ich nun auch wieder nicht. Ich hab gute Gene. Kennst du meine Mutter?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn du sie siehst, dann wirst du es verstehen.“

Juliane sah ihn an. Meinte er damit, was ich denke? Könnte er sich eine Beziehung mit mir vorstellen? Sie war nicht gerade die Netteste zu ihm gewesen. Ihre Gedanken mussten sich in ihrem Gesicht widerspiegeln, denn er nahm sie in den Arm.

„Alles, was ich wollte, war eine Chance mit dir. Darauf habe ich all die Jahre gewartet.“

Juliane war den Tränen nahe. Auch sie wollte das, eine neue Chance, ihr Leben neu zu leben, es neu zu gestalten, mit einem neuen Stefan an ihrer Seite. Und sie konnte irgendwann bestimmt sagen, dass dieser Stefan zu ihr hielt und ihr die Geborgenheit gab, die sie sich wünschte. Sie sah zu ihm hoch und bemerkte an seinem Gesichtsausdruck, dass er auf etwas wartete. Auf eine Antwort. Sie gab ihm die einzige, die ihr einfiel. Juliane reckte sich nach oben, schlang ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn. Lange und ausdauernd, bis er es verstanden hatte und die Tränen über sein Gesicht liefen.