Ein neuer Zirkus kündigte sich auf dem Land an und alle sind aufgeregt, vor allem die Kinder. Und zu diesen zählt auch Hagen. Er wurde von seiner Mutter verstoßen; sie hatte sich lieber um ihre Tochter gekümmert. Doch Hagen wurde von einer sehr lieben Familie aufgenommen; ihr gehörte dieses Bauerngut. Sie nahmen ihn unter ihre Fittiche und päppelten ihn wieder auf, da er fast verhungert wäre. Seine neue Mama hatte ihm Milch gegeben und ihm immer ein warmes Bettchen bereitet.

Doch jetzt ist er alt genug und kann im Stall schlafen, denn Hagen ist ein Schaf, ein Kamerunschaf.

 

Hagen war noch nie in einem Zirkus und als er hörte, dass seine Mama mit ihrem Sohn dorthin wollte, da hatte er schon einen Entschluss gefasst. Er wollte auch mal in einen Zirkus und die anderen Tiere sehen.

In dem großen Zirkus Krone war die Hölle los. Alle Tiere waren außer sich, es herrschte ein großes Gedränge in den Käfigen, denn man musste die Tiere zusammen einsperren. Die Raubkatzen haben ein riesiges Durcheinander angerichtet und waren nur schwer wieder einzufangen.

Abends unterhielten sich die Wärter über das Chaos und konnten sich keinen Reim auf dieses Durcheinander machen. Die Tiere in ihren Käfigen führten eine ganz andere Art von Unterhaltung. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen.

„Und ich sage euch, wir haben einen Verräter unter uns.“, meckerte eine Ziege.

„Aber wer sollte das denn sein? Wir sind alle auf das Stroh angewiesen.“, gab ein Löwe weise zurück.

„Nun ja, aber andere wiederum überhaupt nicht. Die fressen was anderes.“, wieherte ein Ross.

„Aber wer sollte das denn sein. Wir sind doch alle eine Familie.“, gab seine Stute traurig zurück. Ihr Begleiter strich ihr über den Widerrist.

„Ich wüsste da schon ein paar Freunde, die denjenigen, die mehr Aufmerksamkeit bekommen, etwas Böses wollen. Und sie sind ja auch nicht hier aufgewachsen, wie wir anderen.“, warf der weise Löwe wieder ein.

„Und wer ist das?“, fragte das neugierige Mäuschen auf dem Fass. Seine Freunde hatten sich auch darauf eingefunden und schnupperten aufgeregt in die Luft. „Ja, sag schon, wer ist es.“, wisperte ein anderes Nagetier.

„Dazu sage ich jetzt noch nichts. Klatsch verbreitet sich schnell und wir wollen sie doch nicht warnen, oder?“, meinte der Löwe wohlwollend zu Fräulein Pieps. Er hatte seinen großen Kopf zu ihr runtergebeugt und es sah für einen Außenstehenden sehr gefährlich aus. Doch das Mäuschen streckte nur seine Vorderpfötchen aus, legte sie an seine Schnauze und fragte: „Aber kannst du uns keinen kleinen Tipp geben? Wir sind doch so schrecklich neugierig.“

„Das weiß ich und aus diesem Grund bleibe ich diesmal auch hart.“ Damit richtete er sich wieder auf.

„Du bist wirklich gemein.“, schnappten die Kleinen und verschwanden in ihren Löchern. Ein Lächeln erhellte seine Züge, während er gleichzeitig ein leises Knurren von sich gab.

„Und was machen wir in der Zwischenzeit? Wir können doch nicht durch die Zelte schleichen und jeden verdächtigen, der kein Stroh frisst.“, fragte der Gaul.

„Brauchen wir auch nicht. Wir müssen nur diejenigen im Auge behalten, die kein Stroh fressen und ganz neu dazugekommen sind. Und ihr vier seit unsere Augen.“ Damit schaute der Löwe nach oben, wo vier Affen umher tanzten und schon ganz aufgeregt waren.

„Du meinst wirklich uns?“, kreischten sie ununterbrochen und sprangen wild hin und her.

„Ja natürlich. Ihr seid doch dafür ideal gebaut. Klein und wendig, leise und unsichtbar. Und ihr kommt überall hin.“

Vor Freude wurde es in dem Zelt noch lauter, als es eh’ schon war. Ein lautes Knurren ließ alle verstummen. „Danke. Also sind wir uns einig? Für ein paar Tage hält jeder die Füße still, keine Alleingänge. Und das gilt auch für euch. Ihr schaut euch nur um, sammelt Informationen, haltet die Augen und Ohren offen. Morgen Abend treffen wir uns wieder hier.“ Damit waren alle entlassen und sie gingen in ihre Käfige.

 

Hagen war schon ganz aufgeregt. Heute war der große Tag und seine Mama weiß noch gar nicht, dass er sich ins Auto schleichen wird. Für gewöhnlich ließ sie immer die Tür auf und stieg erst nach einer Weile ein. Für ihn genügend Zeit, sich rein zu schleichen und leise zu sein.

Ein paar Minuten später war der Schrecken überstanden und Hagen flüchtete sich zwischen die Zelte, damit er nicht entdeckt wurde. Dann schaute er sich noch einmal um, um ganz sicher zu sein. Als ihn noch niemand entdeckt hatte, verschwand er weiter zwischen die Zelte und schlenderte herum. Mit seinen dünnen Beinchen stakste er durch den Schlamm, da es am Vortag geregnet hatte. Vor Freude und Überraschung bekam er seinen kleinen Mund gar nicht mehr zu.

Es gab so viel Neues zu sehen, dass er gar nicht wusste, wohin er zuerst gehen sollte. Mit seinem Hinundhergerenne beanspruchte er natürlich viel Aufmerksamkeit, ohne dass es ihm bewusst wurde. Erst als er das Lachen hörte und die Rufe der Kinder, blieb er plötzlich stehen und schaute sich um. Er war an Menschen gewöhnt und hatte keine Angst. Doch als es immer mehr wurden, blökte er laut.

Für die anderen Tiere, die ihn verstanden, war es ein Hilferuf. Plötzlich tauchte der weise Löwe auf, ganz gemächlich, aber doch bestimmt und baute sich vor dem Neuankömmling auf. Die Angst in Hagens Augen stimmte ihn friedlich. Und mit sanftem Maulgriff packte er das Schaf, das aussah wie ein Reh, und trug ihn weg.

„Wohin bringst du mich?“, fragte er leise. Er hatte noch nie ein so großes Tier gesehen, das soviel Fell hatte.

„Erst einmal in Sicherheit, mein Kleiner. Und dann sehen wir weiter.“ Damit war Ruhe und der weise Löwe brachte ihn in das große Zelt, wo schon ein paar seiner Freunde warteten, denn auch sie hatten das angstvolle Blöken gehört.

„Oh, ist der Kleine aber niedlich.“

„Seht doch nur, seine dünnen Beinchen. Wie er sich überhaupt darauf halten kann.“, schaltete sich nun auch die immer meckernde Ziege ein.

Hagen sah zu ihr, denn so eine hatte er schon mal gesehen. „Aber deine sehen doch auch nicht anders aus. Die sind genauso dünn.“, gab er neunmalklug zurück. Ein empörtes Meckern kam von ihr und dann verschwand sie. Ein paar lachten und wandten sich dann wieder ihrem Oberhaupt zu.

„Also, mein Kleiner. Wie heißt du und was machst du so allein mitten in einem Zirkus?“, wollte er wissen.

Das Kamerunschaf schaute ängstlich zu ihm auf, musste er doch fürchten, dass sie seine Mama holten und der Tag zu Ende war, noch ehe er angefangen hatte.

„Nun?“, hakte er nach.

Er schluckte noch einmal und nahm seinen Mut zusammen. „Ich heiße Hagen und wollte schon immer mal einen Zirkus sehen. Meine Mama weiß nicht, dass ich mitgekommen bin. Ich war nämlich ganz leise im Auto.“, gab er dem Großen Bescheid.

„Deine Mama kann Auto fahren?“, fragte er leicht belustigt. Auch die anderen lachten herzlich.

Hagen schaute von einem zum anderen, wusste nicht, warum sie lachten. „Ja, Menschen können doch so was. Meine richtige Mama hat mich verstoßen und dann habe ich eine neue gefunden. Und sogar noch einen Bruder.“

„Ach so, na das erklärt natürlich einiges. Wir verraten dich auch nicht. Keine Angst.“ Der Löwe lächelte ihn noch immer an, aber es lag jetzt kein Humor darin.