Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete meine Augen und sah … nichts.

 

Das gesamte Zimmer, von meinem dunklem Kleiderschrank und der dazu passenden Kommode, aus der hie und da ein Stofffetzen hervorlugte, bis hin zu meinem Bett, auf dem ich wie erstarrt saß, war in gleißendes Licht getaucht. Es ist nicht so zu beschreiben, als würde man mal schnell das Licht anschalten. Man kann es auch nicht mit den Strahlern vergleichen, die auf einer Baustelle zu finden sind. Nein, dieses Licht war viel heller, heller und intensiver als die Sonnenstrahlen. Stechender als Neonlampen. Und es leuchtete von innen heraus. Im Kern war es am hellsten, kaum aushaltend für meine überempfindlichen Augen. Ich musste sie schließen oder wenigstens an den Rand schauen, an dem das Licht nicht mehr ganz so intensiv ist. Plötzlich kam meine spezielle Sonnenbrille, die ich immer auf der Kommode ablegte, zu mir geschwebt. Ich konnte das nicht, dass wusste ich. War es dieses Licht? Konnte es spüren, dass meine Augen schmerzten und bald tränen werden? Ich konnte mich nur wundern, setzte sie aber dankbar auf.

Jetzt konnte ich wieder in das Innere sehen und machte einen unsichtbaren Schatten aus. Irgendetwas bewegte sich in diesem Licht, pulsierte mir jedem Ton, den ich vernahm. Versuchte es, mit mir zu kommunizieren? Aber das verdrängte ich schnell wieder. Was dachte ich mir dabei? Glaubte ich jetzt an das Übersinnliche? Nein, ganz sicher nicht. Klar, ich hatte überempfindliche Augen, aber so etwas gab es oft. Ich kann mich auf lange Zeit nicht in der Sonne aufhalten, auch wenn ich noch so gern täte, ohne meine Brille zu gebrauchen. Und, als würde das Licht meine Gedanken hören, verblasste es zusehends und hinterließ mich und mein Zimmer in der undurchdringlichen Dunkelheit, die nur das Land schaffen konnte.

Ich versuchte mich zu konzentrieren, aber mein Geist war noch zu aufgewühlt und so sank ich zurück und ließ mich von den dichten Tannen, die um mein Haus standen, in den Schlaf wiegen.

Am nächsten Morgen erinnerte ich mich an nichts, ich wusste nur, dass ich einen seltsamen Traum hatte, der sich auflöste, in Vergessenheit geriet. Ich schlief tief und fest, ohne weitere Störungen.

Ich lebte in den Tag hinein, ohne etwas zu tun, so als würde ich unbewusst darauf warten, dass es Mitternacht wird und ich wieder das … Ja, was würde ich dann sehen? Was wartet auf mich, wenn ich einschlafe? Und will ich das wirklich wissen? Irgendetwas sträubt sich in mir, aber ein anderer Teil drängte mich dazu, mich hinzulegen, einzuschlafen und es auf mich zukommen zu lassen. Nur was? Was würde mit mir passieren, wenn ich dieser, mir unbekannten, Stimme folgte? Wie unter Zwang, oder als würde ich in Trance sein, sah ich mich selbst, wie ich mich bettfertig machte, noch eine Kleinigkeit zu mir nahm, einen Schluck Wasser trank und mich dann ins Bett legte, gehorsam die Augen schloss.

Ich hatte ein seltsames Deja-vu-Gefühl, aber ich konnte es nicht einordnen. Ich merkte nur noch, wie ich in den Schlaf sank; anfing zu träumen. Ich träumte von einem hellen Strand. Er war umgeben von einzelnen hohen Palmen, so wunderschön anzusehen, als hätte sie ein Künstler der alten Schule gezeichnet. Sie spendeten tröstenden Schatten, meine Augen atmeten auf. Ich stand in diesem Schatten, schaute auf das Meer hinaus, auf die Wellen, die sich langsam, fast erotisch sinnlich an den Sand schmiegten, ihn ein wenig durcheinander wirbelten und einsam zurück ließen. Doch er blieb nie lang allein; alle paar Sekunden kam der nächste Liebhaber und küsste ihn. Eine Weile beobachtete ich das Schauspiel und bekam dadurch erst verspätet mit, wie sich die Atmosphäre wandelte. Sie wurde dunkler, drehte sich heftig, zog sich zusammen und dehnte sich mit einem Urknall wieder aus.

Ich öffnete die Augen, es hatte sich nichts verändert. Verwundert schaute ich mich um, konnte keine Veränderungen feststellen und tat es als eine Merkwürdigkeit von vielen ab. Ich wollte mich umdrehen, war schon halb aus dem schützenden Schatten getreten, als ich aus dem Augenwinkel etwas sah, was mich entsetzt aufschreien ließ. Ich kam mir vor wie ein verschrecktes Reh, das wie gelähmt, von den Scheinwerfern geblendet, an Ort und Stelle blieb. Doch mein innerer Überlebensinstinkt trieb meine Beine vorwärts und es dauerte ein paar Sekunden, bis auch mein Verstand sich an dieser Flucht beteiligte.

Ich rannte wie eine Irre den Strand entlang, versuchte zu fliehen, doch wohin ich mich auch wendete, überall türmten sich die Wassermassen auf. Völlig aus der Puste, mit meinen Nerven am Ende, das Adrenalin im Blut rauschen hörend, sank ich im Sand zusammen und wartete nur noch darauf, dass die Wellen sich brachen und mich verschlangen. Mir kam es vor, als würde es Stunden dauern, doch es waren nur Sekunden, ehe die Massen auf mich einstürzten. Schützend barg ich meinen Kopf, auch wenn ich wusste, dass diese Geste vollkommen sinnlos war.

Doch was ich dann spürte, war keine Eiseskälte. Es fühlte sich warm an, umgab mich ganz, hob mich aus dem Sand. Schleuderte mich in den Himmel, in eine andere Welt. Mir wurde nicht schwindlig, wie immer, wenn ich an einer Achterbahnfahrt teilnahm. Ich konnte die Augen auflassen, sah, wie sich alles um mich herum drehte, aber mir wurde nicht schlecht. Vielmehr fing ich an zu lachen, so befreit wie schon lange nicht mehr. Ich breitete meine Arme aus, umfing die Wärme, die sich in mein Herz einnistete und schloss zufrieden die Augen.

Im nächsten Augenblick riss ich sie wieder auf. Was war das? Ein seltsames Pulsieren ließ meine Nackenhaare sich aufrichten; ein Blick auf meine Arme zeigte mir, dass sich auch dort die Härchen aufgerichtet hatten. Was passierte mit mir? Es kam mir seltsam vertraut vor und doch wieder nicht. Woher kannte ich es und warum konnte ich mich nicht daran erinnern? War es wie das letzte Mal oder gab es Veränderungen? Vage erinnerte ich mich daran, dass es einen pulsierenden Ton gegeben hatte, der mit mir kommunizieren wollte. Doch hatte ich es nicht verdrängt? Leicht verängstigt öffnete ich vorsichtig meine Augen. Ich war wieder in meinem Zimmer.

Ich riss sie noch weiter auf, doch es änderte sich nichts daran. Ich war trocken, saß auf meinem Bett und der Wecker zeigte mir, dass seit dem Einschlafen nur ein paar Minuten vergangen waren, doch sie kamen mir vor wie Stunden oder gar Tage. Und noch etwas hatte sich verändert. Das Licht, das wie immer verlässlich mein Zimmer ausfüllte, hatte sich verdichtet und glich mehr und mehr einem seltsamen Wesen, nicht von dieser Welt, aber doch irgendwie menschlich, zumindest von den Formen her. Irritierenderweise hatte es kein Gesicht, in das man blicken könnte, man schaute nur in helles Licht, das mal heller, mal dunkler wurde, je nach dem, welchen Ton es gerade von sich gab. Denn das hatte sich nicht verändert; es wollte noch immer mit mir kommunizieren und diesmal ließ ich mich darauf ein, verschloss mich nicht.

Das schien das Wesen zu spüren, denn das Lichtspiel ebbte auf und ab und ich verstand jedes Wort, dass es zu mir sagte.

„Sinezia, du musst deine Aufgabe erfüllen. Du bist die letzte deiner Art, deiner Rasse. Unsere Welt ist in größter Gefahr und damit auch die Welt der Menschen. Du musst deine Aufgabe erfüllen …“

Das Licht verblasste und damit auch das Gesprochene. Aber ich konnte mich noch an die Wärme erinnern, als es diese Worte zu mir sagte. Doch was hatten diese Worte zu bedeuten? Was für eine Aufgabe hatte ich zu erfüllen? Und warum nannte sie mich Sinezia?

Ich heiße Sindy, Sindy Ziala. Eis Geistesblitz schoss durch meine Gedanken. Sin-e-zia. Ach du meine Güte …

Was ging hier vor? Welche Spielchen wurden hier gespielt? Ich kam in meinen Gedanken nicht mehr weiter, ein stechender Schmerz schoss durch meinen Körper, warf mich zu Boden; ich wurde bewusstlos.

Nach Stunden, wie mir schien, stand ich wieder auf, mein Schädel dröhnte, ich hatte hämmernde Kopfschmerzen, die ich nicht ohne weiteres losbekommen werde. Es hatte schon fast Ähnlichkeit mit einer Migräne. Nachdem es immer schlimmer wurde, ich es nicht mehr aushielt, löschte ich das Licht. Es war blitzschnell aus und ich konnte befreit aufatmen, die Schmerzen waren verschwunden. Dann hielt ich inne … es war blitzschnell aus? Wie konnte das sein? Der Schalter war am anderen Ende des Raumes und ich hatte meinen Platz in der Mitte des Zimmers nicht verlassen. Was ging hier vor? Langsam senkte sich mein Blick an mir herab; eigentlich nahm ich an, dass ich nichts sah, denn es war ja pechschwarz in meinem Zimmer. Doch ich sah alles, sah die seltsame Kleidung, die ich trug, sah die langen schwarzen Fingernägel, die ich an mir nicht kannte, sah die lange Kette mit diesem mystischen Anhänger. Noch langsamer ging ich zum Spiegel und stand doch in Lichtgeschwindigkeit vor ihm. War ich das? Eine andere Frau starrte mich entgeistert an. Wer war das?

Blitzschnell drehte ich mich um, als ich eine Aura spürte. In meinem Zimmer wurde es wieder gleißend hell; ich stellte mich schon auf den Schmerz ein, doch er kam nicht. Noch einmal schaute ich in den Spiegel und sah, dass meine Augen schwarz geworden sind, pechschwarz, aber glänzend. Wunderschön, ging es mir durch den Kopf. Dann drehte ich mich wieder um.

Plötzlich wurde es siedend heiß in meinem Zimmer, dass nahm ich zumindest an, denn meine Wände wurden schwarz, waren angesengt, die Tapete löste sich und fing Feuer. Eine andere Gestalt tauchte in meinem Zimmer auf, blutrot in seinem Aussehen und von einem Feuerkranz umgeben.

 

„Sinezia. Es wurde Zeit, dass du erwachst. Wir müssen uns beeilen. Die anderen warten schon auf dich, auf uns.“

 

Langsam ging ich zur Tür, merkte nicht, wie ich einen Eishauch hinter mir herzog, der das Feuer löschte, welches fast mein gesamtes Haus in Schutt und Asche gelegt hätte.

 

„Elena, pass bitte auf, dass du nicht mein Haus verwüstest.“

 

Die Angesprochene wurde kurz starr vor Schreck, als sie diese Stimme vernahm, erholte sich aber rasch und verschwand spurlos.

Die Lichtgestalt schaute von einem zum anderen und löste sich nach einem pulsierenden Ton ebenfalls in Luft auf.

Ich schaute in die Dunkelheit, breitete die Arme aus und schaute nach oben.

 

„Sinezia, Hexe der Dunkelheit.“

 

Dann verschwand auch sie spurlos, löste sich in Luft auf und hinterließ einen Eispalast, der rasch wieder auftaute, nachdem sie verschwunden war.