Robert Hanson fuhr langsam die gewundene Auffahrt hinauf. Er war schon sehr lange nicht mehr hier gewesen; fünf Jahre, um genau zu sein. Der Kiesweg wurde abwechselnd von Pappeln und niedrigeren Sträuchern gesäumt, das Licht fiel unterbrochen auf die Scheibe; er musste die Sonnenblende herunterklappen. Charlie neben ihm war noch aufgeregter als er selbst, seine Zunge hing schon raus. Er ließ sich den Wind um die Schnauze wehen.

Robert schaute wieder nach vorn, parkte seinen Wagen direkt vor der Tür. Es würde keinem etwas ausmachen, denn hier wohnte und lebte auch schon lange keiner mehr. Seit fünf Jahren …

Er blieb im Auto sitzen, fragte sich, was er hier machte, warum er diesen Schritt gegangen war. Warum konnte er die Geister nicht einfach ruhen lassen? Weil sie ihn auch nicht in Ruhe ließen. Jede Nacht suchte sie ihn auf, flüsterte ihm Botschaften ins Ohr, setzte ihm Ideen in den Kopf. Und jeden Morgen wachte er noch erschöpfter auf als am letzten. Wie lange ging das jetzt schon? Seit vier Jahren. Er konnte nicht mehr. Er musste diesen Weg hierher gehen, um endlich seine Ruhe zu finden. Um ihr die Ruhe zu geben, die sie verdient hatte.

Warum war sie nicht einfach gegangen? Warum suchte sie ihn jeden Abend, jede Nacht heim? Wollte sie ihm noch etwas sagen? Und wenn, was war es? Das konnte er nur herausfinden, wenn er aus diesem Auto stieg, die Tür aufschloss und hineingehen würde. Das sagte ihm sein Geist, aber sein Körper hatte sich vollkommen von seinem Geist gelöst, er wollte nicht den leisesten Befehl ausüben.

Robert schaute zu Charlie, der erwartungsvoll sein Herrchen anschaute; er wollte unbedingt aus dem Auto raus. Dann soll er eben seinen Willen bekommen. Er stieg aus und wartete, bis auch Charlie hinaus gesprungen war. Das dauerte weniger als eine Sekunde und schon war er in den Büschen verschwunden.

Der Schlüssel lag schwer in seiner Hand, als er mit schleppenden Schritten die paar Stufen zur Veranda hoch schritt. Dann stand er vor der Tür, zweifelte an seinem Tun, hatte Angst, es zu tun und kam zu dem Schluss, dass er einfach keine andere Wahl hatte. Das Schloss knackte zweimal, als er den Schlüssel herumdrehte und die Tür langsam aufstoß. Langsam deshalb, um den Staub nicht aufzuwirbeln, der sich hier angesammelt hatte und um nicht schon vorzeitig die Seelen zu wecken, die hier hausten.

Das Haus hatte sich nicht verändert. Robert hatte alles mitgenommen, was welken oder schlecht werden würde und über alles andere hatte er weiße Bettlaken gehängt. Denn hier standen die seltensten Antiquariate und teuersten Möbel, die blankesten Spiegel und wertvollsten Gemälde. Zu kostspielig und zu einzigartig, um sie dem Staub zu überlassen. Und sie hätte es auch nicht gewollt …

Bei dem Gedanken an seine verstorbene Frau, zog sich bei ihm alles in seiner Brust zusammen und er hatte Schwierigkeiten, normal zu atmen. Robert ließ sich auf einem verhangenen Stuhl nieder, wusste, dass es der von Ludwig XIV. war und konzentrierte sich auf seine Atmung. Nach ein paar Minuten konnte er wieder aufstehen und sich weiter umsehen.

Eigentlich kannte er doch alles, wusste, dass sich nichts verändert hatte und trotzdem suchte er nach Etwas. Nur nach was? Nach wem? Was hoffte er zu finden? Eine Nachricht, einen Zettel, auf dem stand … Nur was sollte darauf stehen? Dass sie ihn liebte, dass sie ihn nie verlassen wollte … Dass sie sich nie umgebracht hätte, wenn er gewusst hätte, was damals wirklich passiert war.

Robert verdrängt die Gedanken, er wollte jetzt nicht schlecht über seine Frau denken. Das hatte sie nicht verdient. Er liebte sie doch, liebte sie über alles. Und hatte er ihr das überhaupt schon einmal gesagt? Nein, in den 10 Jahren ihrer Ehe hatte er ihr nicht einmal gesagt, dass er sie liebte. Hatte er sie etwa deshalb in die Arme eines anderen getrieben? Er hatte es gewusst, aber er sie nicht damit konfrontiert. Er hatte sie mit der Schuld ihres Gewissens leben lassen, bis sie es nicht mehr aushielt und ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte.

Plötzlich hörte er ein leises Geräusch, wie ein Flüstern, ein Atemhauch, der an seinem Nacken innehielt und dann weiter zog. Blitzschnell drehte er sich um, aber er konnte nichts sehen. Wie auch, einen Atemhauch sah man ja auch nicht. Er sah nur die Bettlaken, wie sie sich bewegten, die Gardinen, wie sie im Wind zappelten, Charlie, wie er sich nervös unter dem Tisch versteckte, da er einen fiel feineren Sinn hatte als die Menschen.

„Charlotte … bist du das?“, fragte Robert, genauso nervös wie sein Hund, aber aus anderen Gründen.

Dann entwich ihm ein lauter Schrei, als eine Gestalt vor seinen Augen sichtbar wurde. Nicht greifbar; er konnte noch immer die Gegenstände dahinter erkennen. Er stürzte hintenüber, versuchte sich aufzurichten und war schneller aus dem Haus als sein Hund.

Nach ein paar Minuten kam er wieder rein, am ganzen Leib zitternd, aber doch tapfer. „Charlotte?“

„Entschuldige, mein Liebster. Ich wollte dich nicht erschrecken.“, erklang eine lieblich klingende Stimme. Die Gestalt tauchte wieder auf; nicht ganz so nah, um ihn noch einmal zu ängstigen, aber doch nah genug, um die Farbe der Augen wieder zu erkennen – haselnussbraun.

Robert zitterte noch immer, aber er hatte sich im Griff. „Du bist es wirklich. Ich dachte … ich dachte, du bist … tot.“

„Das bin ich doch auch, mein Liebling. Hier, nimm meine Hand.“ Sie hielt ihm ihre gestaltlose Hand hin.

Vorsichtig ergriff er sie oder versuchte es zumindest. Er konnte sie nicht packen, ergriff nur Luft. Eiskalte Luft.

„Siehst du? Ich bin tot.“ Sie lächelte leicht bei seinem bestürzten Gesichtsausdruck.

„Wie kommt es dann, dass du noch hier bist? Dass du seit vier Jahren hier bist? Gehen Verstorbene normalerweise nicht zum Licht?“

Charlotte bekam einen traurigen Gesichtsausdruck. „Ich wollte dir noch etwas erzählen. Und das belastet mich so stark, dass ich nicht einfach gehen konnte, ohne es dir wenigstens zu erklären.“

Robert hielt den Atem an, wagte es nicht, ihr jetzt dazwischen zu reden. Nicht, wenn er die Antworten auf seine Fragen bekommen könnte.

„Du weißt, dass ich dich immer geliebt habe. Und selbst nach 10 Jahren habe ich nicht damit aufgehört. Doch ich hatte nie etwas von dir gehört, dass einem Liebesbekenntnis auch nur näher gekommen wäre. Aus diesem Grund hatte ich mir einen anderen Mann gesucht. Er war Italiener und verboten attraktiv und sehr jung. Und er hatte mir gesagt, dass er mich liebte. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er bereits eine andere hatte? Eine jüngere? Dass er nur mein Geld wollte? Unser Geld. Ich habe mich geschämt. Ich konnte dir nicht mehr ins Gesicht schauen, unter die Augen treten. Und deshalb hatte ich mich vom Balkon gestürzt. Ich hatte keine Ahnung, was ich dir damit antat, was ich unserer Familie antat.“ Ihre Stimme wurde brüchig, aber Geister konnten wohl nicht weinen. Trotzdem hörte er es in ihrer Stimme und das stimmte Robert traurig.

„Aber ich hatte es doch von Anfang an gewusst. Ich wusste, dass du eine Affäre hattest und ich wollte dir diese Abwechslung nicht nehmen.“ Robert sah sie zerknirscht an, als er daran dachte, dass er seiner Frau nicht das geben konnte, was sie sich am meisten von ihm gewünscht hatte.

„Ich hatte dich immer geliebt, liebe dich noch immer, denke jeden Tag an dich, aber immer auf meine Weise. Ich wusste, dass du diese Worte hören wolltest, aber ich konnte es nicht sagen. Ich kann es noch immer nicht. Ich kann es dir nur mit anderen Worten sagen: Du bist die einzige Frau in meinem Leben, in meinem Herzen, in meinem wirren Verstand. Jeden Tag, jede Sekunde denke ich an dich. Und ich werde dich nie vergessen, was auch kommen mag.“

Bei diesen letzten Worten breitete sich ein warmes Lächeln in ihrem Gesicht aus. Charlotte sah nach oben, als ein gleißendes Licht sie einhüllte, sie völlig umschloss. Ihre ganze Gestalt war hell erleuchtet und löste sich langsam auf, schwebte zum Himmel.

„Ich danke dir, mein Liebster, meine Liebe, mein Ein und Alles. Ich liebe dich.“, schwebte es zu ihm hinunter. Dann war es still, angenehm still.

Robert hatte Tränen in den Augen, aber er war doch erleichtert, dass sie alles klären konnten, dass Charlotte ihren Frieden finden konnte.