„Miss Christi?“

„Ja, Sir?“

„Sind die neuen Termine schon gelegt?“

„Selbstverständlich. Die Kolumbianer wollen Sie um 10 Uhr beim alten Schrottplatz treffen. 16 Uhr geht es dann zum Ristorante Emilo, dort warten die Gabianos. Dann haben Sie bis zum Abend frei, und danach …“ Christi studierte ihren Planer und tippte noch auf einen Eintrag. „20 Uhr wollen die Einheimischen Sie noch sehen. Es geht nur um ein Gespräch, die Transaktion soll später stattfinden. Je nachdem wie das Gespräch ausfällt.“ Sie schloss ihren Planer und sah ihren Chef an. „Alles in allem ein ruhiger Tag.“

Mit mürrischem Blick schaute er auf die Uhr, es war erst 7, und fand, dass er sich noch eine Weile ablenken konnte.

„Wie wäre es dann mit einem Match? Ich muss zugeben, dass ich schon lange nicht mehr gespielt habe.“

„Tut mir leid, Sir, aber ich habe mir bei meinem Training das Handgelenk verstaucht.“ Dieses sogenannte Training beinhaltete so ziemlich jede Kampfsportart und Yoga.

„Sir, Ihre Schläge sind heute ein bisschen schwach. Stimmt etwas nicht?“

Was ihn am meisten nervte, war, dass sie Menschen sehr gut einschätzen konnte und sie immer die Wahrheit sagte.

„Es stimmt tatsächlich etwas nicht. Ich habe das Gefühl, dass mich jemand beobachtet.“ Er schaute sie fragend an.

Sie schaute mit offenem Blick zurück.

„Wahrscheinlich leide ich an Paranoia. Mir liegen wohl die Kolumbianer im Magen.“ Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen.

Christi konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. „Aber Sir, Sie sind der mächtigste Mann auf diesem Kontinent. Warum jetzt diese Schwäche? Das passt so gar nicht zu Ihnen.“

„Sie haben ja recht. Aber es ist trotzdem ein scheiß Gefühl.“ Er sah zu ihr hinunter. „Sie sollten auch eine Waffe tragen.“ Und damit reichte er ihr eine 45er, die sie allerdings nicht entgegennahm.

„Was soll das? Warum nehmen Sie sie nicht?“

Christi lächelte leicht, aber es wirkte ein bisschen kalt. Sie griff mit beiden Händen unter ihre kurze Jacke und holte zwei 45er hervor. An den Knöcheln trug sie zwei 33er und zum krönenden Abschluss band sie sich zwei lange, extrem scharfe und große Wunden reißende Messer an die Oberschenkel.

„Wollen Sie mich jetzt kündigen oder können wir zu unserem ersten Termin fahren?“

 

Solchermaßen geschützt trat er mit einem lässigen Lächeln eine halbe Stunde später auf den Schrottplatz. Ehe er zu den wartenden Kolumbianern ging, hielt er sie am Arm fest. „Seit wann tragen Sie dieses kleine Arsenal?“

„Von Anfang an.“

„Aber meine Männer haben Sie doch immer kontrolliert …“

„Bis sie es irgendwann nicht mehr getan hatten“, unterbrach sie ihn lächelnd. „Ich wollte sie nicht beunruhigen oder hintergehen. Ich habe einfach nicht daran gedacht, es Ihnen zu sagen. Als ich sie angelegt habe, kam es mir selbstverständlich vor, dass ich meinen Boss beschütze, ohne dass er es erfahren muss.“ Wieder schaute sie ihn mit offenen Augen an, ohne auch nur zu blinzeln oder gar wegzuschauen.

Er ging zu den wartenden Geschäftsleuten und schüttelte ihnen die Hände.

„Also Amigos, was braucht ihr?“

„Was wir brauchen, Amigo, ist ein reines Produkt und keines, dass man Kindern gefahrlos geben könnte. Sie haben uns nach Strich und Faden verarscht!“ Zum Ende wurde der Kolumbianer richtig laut und zog ein MG hervor.

Als auch das wandelnde Arsenal ihre Waffen zog, schaute der Geschäftsmann zu ihr. „Ich kenne Sie doch irgendwo her.“

„Sicher kennen Sie mich, schließlich bin ich seit einem Jahr die persönliche Assistentin von Senor Basila. Und jetzt Klappe halten!“

„Ich habe euch immer ein reines Produkt geliefert. Was wollt ihr von mir? Schon seit Jahren beliefere ich euch und es gab nie Komplikationen“, argumentierte Basila. Noch stand er lässig da, aber seine Haltung änderte sich schlagartig, als der Kolumbianer weitersprach.

„Aber seit einem Jahr hat sich die Reinheit verändert. Meine Kunden beschweren sich, dass ihre Mitglieder schon fast nüchtern die Clubs verlassen. Sie können sie nicht mehr um den Finger wickeln oder was sie sonst noch mit ihnen machen.“ Sein Akzent wurde immer stärker, als er zu Christi schaute.

„Ramerez, was willst du damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass du einer Ratte vertraust und sie schnellstmöglich ausräuchern solltest, ehe deine Kunden dir einen Besuch abstatten.“ Er senkte seine Waffe und steckte sie wieder hinter seinen Gürtel. „Wenn du das Problem gelöst hast, Basila, dann ruf mich an.“ Ramerez stieg in den Wagen und fuhr mit seinen Leuten davon.

„Miss Christi, könnten wir dann?“, fragte Basila leicht beißend und hielt ihr die Tür auf.

Auch sie steckte ihre 45er weg, nickte und verschwand im Van.

„Fahr zum Laden, Amigo, ich muss noch etwas erledigen.“

Nach 15 Minuten hielten sie vor einem kleinen Laden und Basila stieg aus, ging rein und holte sich eine Flasche Hochprozentigen. Er ging schnurstracks an der Theke vorbei, ohne zu bezahlen und ignorierte den Ladeninhaber. Doch der wollte sein Geld haben und hatte sich für den heutigen Tag den Falschen rausgesucht.

„Hey, du Dreckskerl, bezahl gefälligst. Ich bin doch kein SB-Laden. Geld her!“ Er packte den vermeintlich einfach gestrickten Mann an der Schulter und wollte ihn rumzerren, aber da hätte er auch an einem Felsen ziehen können. Als sich Basila rumdrehte, erkannte der Verkäufer seinen Fehler. Er sah die lange Narbe, die das rechte Auge fast verschonte und die sich bis zum Kinn zog. Ihm kam sofort das Gerücht in den Sinn, aber es war schon zu spät. Basila hob seine Waffe und knallte ihm rücksichtslos eine Kugel in den Kopf.

„Waffe runter, Basila. Sofort!!“ Als er sich nur herumdrehte, aber die Waffe noch immer im Anschlag hatte, feuerte sie blitzschnell drei Kugeln an seinem Kopf vorbei in die Wand. Wie versteinert stand er da, die Augen eine Spur weiter aufgerissen. Schnell schaute er zu seinen Leuten und musste sehen, dass sie bewusstlos auf der Straße lagen.

„Mach jetzt keine Faxen, Basila!“

Als sie ihn in die Knie zwang, schaute er zu ihr auf, lächelte sie an. „Ich habe mich schon gefragt, wann du dich zu erkennen gibst.“ Dann wurde er in einen Polizeiwagen bugsiert, wo er warten musste.

Christi hatte sich auf alles gefasst gemacht, aber nicht, dass er wusste, wer sie war. Sie war erschüttert und vielleicht auch ein bisschen erleichtert. Etliche Kollegen kamen auf sie zu und schüttelten ihr die Hand; sie merkte es nicht. Erst als sie jemand in den Arm nahm, wachte sie aus ihrem Trancezustand auf. Auch sie umarmte ihren Liebling, der bei dem SEK war. Über seine Schulter sah sie zu Basila; er hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht, der allerdings nicht ihr galt, sondern dem Mann an ihrer Seite.

 

Schon seit einer Stunde saß er allein im Verhörraum, als endlich die Tür aufging und Christi hereinkam.

„Warum haben Sie mich belogen?“, fing er sogleich an und wurde sofort unterbrochen. Nicht mit einem Wort, sondern einem mehr als vernichtenden Blick.

„Die Fragen stelle ich, Senor Basila, und Sie antworten. Mal sehen, ob Sie das hinbekommen.“

Er hatte eine nicht gerade nette Antwort auf den Lippen, aber er verzichtete darauf.

„Sehr schön“, als sie ihn beobachtete. „Wie lange wissen Sie schon, dass ich nicht die bin, für die ich mich ausgegeben hatte?“

„An dem Tag, als du bei mir angeheuert hattest, da wusste ich schon, wer du warst.“

Ihre Augen wurden groß, als sie das hörte.

„Warum haben Sie mich eingestellt? Sie mussten doch wissen, dass ich alles an die Polizei weitergeben würde. Ihre geheimen Plätze, Ihre Daten, die Verbindungen, einfach alles.“ Sie setzte sich zurück und konnte nur noch mit dem Kopf schütteln.

„Sicher wusste ich das, aber wahrscheinlich hatte ich mal wieder eine Line gezogen.“ Er sagte nicht die Wahrheit. „Allerdings hattest du nichts anderes zutun gehabt, als meine Lieferungen zu frisieren. Wann hast du das denn gemacht? Wann hattest du die Zeit, die gesamten Lieferungen in den festgelegten Deadlines auszutauschen?“ Er beugte sich interessiert vor.

„Da Sie mir alle Daten gaben, die Berechtigung, alle Transaktionen durchzuführen, da konnte ich meine Männer verständigen, die die Lieferung schon fertig hatten. Einer fuhr dann zu den Kunden und ich machte mich auf den Weg zum Hauptquartier und lieferte das gefährliche Zeug ab.“

Basila lehnte sich zurück und schaute sie an. „Ich hätte nie gedacht, dass ein Mädchen von gerade 24 Jahren mich, einen der größten Drogenbosse, übers Ohr haut.“

„Ich bin 22. Ich hab einige Jahre übersprungen, da ich so gut war. Ich hatte schon in früheren Jahren damit begonnen, da meine Eltern bei einem grausamen Mord ums Leben kamen.“

„Ich weiß.“

Ihr Kopf ruckte hoch, große Augen schauten ihn an.

„Ich hatte den Artikel damals gelesen und ihn verfolgt und ich habe die Gelegenheit wahrgenommen, als du an meine Tür geklopft hattest und für mich arbeiten wolltest. Ich weiß alles über dich. Und eines Tages werde ich dich aufspüren und dann machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben, meine Kleine.“

Sie stand auf und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort; ließ ihn zurück in seinen Gedanken und versteckten Gefühlen.