Zum Glück ist es noch einmal warm geworden. Es wäre schade um das ganze Obst gewesen, wenn es noch Tage länger geregnet hätte. Im Großen und Ganzen war es ein schöner heißer Sommer, aber wie es im Leben so ist, es war zuviel des Guten. Die Natur hatte sich dafür gerächt und nun schüttete es seit Tagen wie aus Eimern.

Die Kinder sind schon ganz traurig geworden. Sie mussten bald wieder in die Schule gehen und wollten sich noch einmal richtig austoben. In dieser Gegend wohnte eine richtige Rasselbande, aber nur vier von ihnen sind wirklich richtig ausgefuchst. Sie stellten den ganzen Tag nur Unfug an und werden nie erwischt. Allerdings sind sie so einsichtig und bewegen sich nur auf erlaubtem Gelände und so zieht es sie auch an diesem warmen Tag wieder zu dem großen Garten, der abseits von allen Straßen angelegt wurde. Oder richteten sich die Straßen nach dem Garten? Man konnte es nicht genau sagen, denn der Garten war, wie es schien, uralt.

 

Büsche wackelten verdächtig in der Nähe des Gartens, denn es war ein schöner Tag und es ging nicht ein einziges Lüftchen. Plötzlich tauchte ein kleiner Kopf auf und schaute durch ein paar Blätter hindurch zu dem Grundstück. Blaue Augen blinzelten durch das dichte Grün und versuchten, etwas zu sehen. Allerdings war das nicht möglich und so gesellten sich zu den blauen Augen auch noch ein blonder Schopf, der so frisiert war, dass einen dadurch schon der Schalk ansprang. Er trug noch ein Basecap, kurze Hosen und ein weites T-Shirt.

Er kauerte sich neben den Busch und machte sich ganz klein, so dass er auch nicht gesehen wurde. Eine Weile beobachtete er den Garten und kam zu dem Schluss, dass dort niemand ist, von dem sie gesehen werden konnten. Der kleine Junge, er ist sieben Jahre alt, richtete sich auf und schaute hinter seinen Rücken. „Die Luft ist rein! Los, kommt!“, rief Toni mit kindlich hoher Stimme. Dann machte er sich auf den Weg zu einer Gruppe von Bäumen, wo ein paar Bänke standen.

Nach und nach kamen noch drei weitere Kinder aus ihren Verstecken und sie konnten unterschiedlicher nicht sein und aussehen.

Als nächster traute sich ein kleiner Junge aus seinem Versteck und er war so verschreckt und ängstlich, dass er sich jedes Mal hinkauerte, wenn ein Vogel aufgeschreckt davon flog oder eine Grille in der Nähe zirpte. Dann hörte er noch eine Katze schreien und da war es ganz aus. Er warf sich flach auf den Boden und vergrub sein tränenüberströmtes Gesicht in seinen Armen.

„Timmy, jetzt komm schon!“, rief Toni aufgeregt. Der kleine ordentlich gekämmte Kopf schüttelte sich, ansonsten war keine Regung zu sehen. „Jetzt komm schon, kleiner Bruder. Hier ist nichts, du brauchst keine Angst zu haben.“ Wieder nur Kopfschütteln.

Plötzlich wurde Timmy hochgezogen und mitgeschleift. „Du Memme, das ist ja nicht zum Aushalten.“, rief eine weitere kindliche Stimme. Marie, genauso alt wie Toni, zerrte Timmy mit zu dem neuen Versteck und ließ ihn dann auf den Boden sinken, wo er von neuem in Tränen ausbrach.

Marie wandte sich an Toni. „Warum mussten wir ihn überhaupt mitnehmen? Er hält uns nur auf.“ Sie strich sich ihre Haare zurück, was nicht wirklich was brachte, da sie ihr wieder, verfilzt wie sie waren, ins Gesicht fielen. Das einzige, was sich verändert hatte, war eine weitere Dreckspur, die sich zu den anderen auf ihrem Gesicht gesellte.

„Ich sollte ihn mitnehmen, damit er mal unter Kinder kommt, sagt Mama. Und die einzige, die uns wirklich aufhält, ist Zoey.“ Damit zeigte er mit seinem kleinen Finger auf das alte Versteck, wo jetzt auch die letzte der Rasselbande sich aus dem Versteck traute. Allerdings gab diese sich nicht wirklich Mühe, sich wenigstens ein bisschen bedeckt zu halten. Sie schritt aufrecht durch das hohe, wuchernde Gras und gab sich die größte Mühe, nicht ihr neues Kleid schmutzig und nass zu machen.

„Zoey! Bist du verrückt? Duck’ dich!“, rief Marie aufgeregt.

„Nein, das mache ich nicht. Ich bin doch nicht wie ihr.“, rief sie aufgebracht zurück und schritt weiter durch das Gras.

„Was denkst du, warum wir das machen? Damit wir nicht gesehen werden.“, rief nun auch Toni.

„Ich denke, hier ist keiner. Das hast du doch selber gesagt.“ Jetzt war sie stehen geblieben und forderte eine Erklärung.

Toni nahm das Basecap ab und raufte sich die Haare. „Es hatte den Anschein, dass hier keiner ist, aber das wissen wir nicht mit Sicherheit. Also setz’ dich endlich in Bewegung.“

Zoey wirkte etwas pikiert, aber nach einer Weile nahm sie endlich den Gang wieder auf. Als sie bei den anderen angekommen ist, baute sie sich vor ihm auf. Allerdings war sie nicht viel größer als er. „Solche Worte bin ich von dir ja gar nicht gewöhnt. Wenn du mich noch einmal so anschreist, dann sag ich das meinen Eltern und die reden dann mit deinen Eltern. Und dann hast du ein echtes Problem.“

Sie lachte ihn gerissen an. Sie war nur ein Jahr älter als Toni und Marie, aber sie liebte es sich aufzuspielen wie eine Erwachsene und freute sich maßlos, wenn die anderen Ärger bekamen.

„Ich glaube nicht, dass du das möchtest, denn dann würde rauskommen, dass du auch bei uns warst. Und du darfst doch nicht so weit weg von Zuhause, oder?“, fragte Toni scheinheilig.

Sofort war Zoey still und starrte ihn böse an, aber das machte ihm nicht wirklich was aus. Er blickte um sich und stellte fest, dass einer aus ihren Reihen fehlte. Marie war verschwunden. „Timmy, wo ist Marie?“ Er reagierte nicht. „Timmy!!“, schüttelte Toni seinen Bruder an der Schulter.

„Was?“, fragte er ängstlich und erschrocken. Die Augen geweitet.

„Weißt du, wo Marie ist?“, fragte er noch einmal, jetzt schon ungeduldiger.

„Sie ist zu dem Haus dort gegangen. Aber ich wollte nicht mit. Ich hatte Angst. Es sieht so dunkel aus.“ Er lehnte sich an Toni und dieser legte auch einen Arm um seinen kleinen Bruder. Dann sah er zu dem alten Schuppen. Und selbst ihm graute es, wenn er nur daran dachte. Seine Eltern haben ihn ja nicht umsonst gewarnt. Sie hatten die Erlaubnis, im Garten zu spielen, aber sie durften nicht zum Haus.

Nachdem sie mehr oder weniger abgestimmt haben, gingen sie gemeinsam zu dem alten Haus. Es sah wirklich verkommen aus. An einigen Stellen fehlten schon ein paar Latten, in einer Wand waren Löcher zu sehen, das Dach sah auch nicht ganz dicht aus und von Gardinen war auch keine Spur zu sehen. Sie hatten wirklich Angst, dorthin zu gehen. Aber nun waren sie schon fast da und außerdem machten sie sich Sorgen um Marie.

Nachdem sie um das Haus herumgegangen sind, entdeckten sie sie. Marie hielt sich an eine Wand gedrückt und schien zu lauschen. Die anderen gingen schnellen Schrittes zu ihr. Sie scheint sie gar nicht zu bemerken. Erst, als sie bei ihr standen und Toni ihr auf die Schulter tippte.

Er wollte gerade etwas sagen, als sie auch schon den Zeigefinger auf die Lippen legte und ihm bedeutete, still zu sein. „Was machst du denn hier? Wir haben dich überall gesucht.“, flüsterte er ihr trotzdem zu.

Sie verdrehte die Augen. „Ich war halt neugierig.“, gab sie patzig zurück.

„Das wird noch mal dein Untergang sein.“

„Ja, aber hör doch mal. Diese Geräusche sind mir nicht ganz einerlei.“

Und tatsächlich, drinnen hörten sie ein lautes Klopfen, gefolgt von einem lauten Kreischen. Die Kinder draußen duckten sich zusammen und lauschten weiter. Dann hörten sie eine Maschine, die angeworfen wird und ein weiteres Kreischen. Es klang wie das Schreien eines Menschen. Die vier konnten sich gerade noch so den Mund zuhalten, um ein Schreien zu verhindern. Sie rannten wieder zu ihrem alten Versteck und kauerten sich auf den Boden. Und sogar Zoey machte sich ihr neues Kleid dreckig. Allerdings hatte sie es auch gründlich satt.

„Holen wir uns jetzt die Äpfel und verschwinden.“, sagte sie bestimmt. Und ausnahmsweise hatte diesmal niemand etwas dagegen zu sagen.

Sie gingen noch ein Stück weiter in den zugewucherten Garten und suchten sich einen Apfelbaum. Das war gar nicht so einfach, da es auch noch Kirsch- und Birnenbäume gab. Endlich entdeckten sie einen schönen Baum, der voller roter Äpfel hing. Da fiel es bestimmt nicht auf, wenn ein paar fehlten.

 

Die Räuberleiter schwankte bedächtig, aber sie konnten sich gerade so halten. Toni stand ganz unten, dann kam Marie, die es irgendwie auf seine Schulter geschafft hatte und schließlich noch Timmy, der der Kleinste und Leichteste war. Zoey stand außerhalb und dirigierte die Leiter.

Sie hatten es fast geschafft, als sie eine barsche Stimme hörten.

„Was macht ihr denn da, ihr Strolche? Euch habe ich doch schon mal gesehen.“

Ein Kreischen ertönte, gefolgt von einem misstönenden Klopfen, als sie alle auf den Boden fielen. Dort blieben sie auch und schauten nach oben. Sie hatten zuviel Angst vor dem großen dunklen Mann, der einen langen Stock mit einem gefährlichen Ende bei sich trug und einen Korb.

„Es tut uns leid. Wir wollten sie nicht stehlen, nur mal probieren.“, fing Toni an und wurde immer leiser, als er ihr Tun gestand.

Der Mann baute sich vor ihnen auf und machte eine grimmige Miene. Dann geschah etwas Seltsames. Er lächelte. Das hätten die Kinder nun nicht gedacht und standen langsam auf.

„Ihr hättet doch nur fragen brauchen, Kinder. Denkt ihr etwa, ich wäre der schreckliche böse Mann, von dem alle sprechen? Nein, bin ich nicht. Die Leute scheuen nur zurück. Sie fällen ihre Vorurteile, ohne diesen Jemand kennen zu lernen. Und schon wird man zu etwas abgestempelt, das man nicht ist.“ Er machte einen traurigen Gesichtsausdruck, der schnell wieder verschwand.

Die vier hatten interessiert gelauscht, dann fragte Marie: „Was war das für ein lautes Geräusch, das aus Ihrem Schuppen kam?“ Sie war immer neugierig.

Der Mann schaute sie seltsam an, dann lachte er. „Das ist meine alte Maschine. Es müsste mal eine neue werden, aber da fehlen mir die Mittel dazu. Ich mache feinen Apfelsaft, den ich auf dem Markt verkaufe. Ich mache auch Kirsch- und Birnensaft.“

Er wandte sich um und hob seinen Stock. Im Nu hatte er vier Äpfel gepflückt und gab sie den Kindern. Sie waren schön rot und saftig.

Nach dem ersten Biss hörte man ein einstimmiges Seufzen. Sie schlossen genüsslich die Augen und aßen die Äpfel mit Appetit.

Es wurde also doch noch ein schöner Tag.