„Ihren Fahrausweis, bitte!“

Lara sah auf und schaute auf einen Mann in einer Uniform; es interessierte sie nicht. Er sprach sie noch einmal an, aber sie schaute mit leeren Augen durch ihn hindurch. Als er sie schüttelte, stand sie auf und setzte sich auf einen anderen Platz.

„Junge Dame, wenn Sie keinen Fahrschein haben, dann sagen Sie es doch einfach …“

„Lass mich in Ruhe! Verpiss dich!!“

„Jetzt hören Sie mal …“ Er wollte nach ihr greifen, doch sie entwand sich ihm und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Die anderen Mitfahrer saßen erschrocken, belustigt, teilnahmslos da, doch keiner griff ein.

 

Ein paar Minuten eher …

 

„Hör zu Mädel, es ist vorbei. Du warst vielleicht eine nette Abwechslung, aber du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, dass das zwischen uns etwas Ernstes ist, oder? Ich kann dich doch nicht meinen Eltern vorstellen, wie sieht denn das aus? Vivien ist da viel besser geeignet und sie hat auch viel mehr Stil, wenn du verstehst, was ich meine.“ Und so drehte sich Wagner und ging seiner Wege.

Lara stand da wie versteinert. Sie konnte es nicht fassen. Er ließ sie einfach stehen. Für eine Musikerin? Sie drehte sich um und ging wie ein Zombie zur U-Bahn. Die Leute wichen ihr aus, nicht weil sie wie in Trance lief, sondern weil ihr Make-up bedecktes Gesicht in Tränen aufgelöst war. Sie sah geisterhaft aus und irgendwie gefährlich.

Sie stand am Bahnsteig und wartete auf den Zug nach Berlin-Ost. Dann warf sie sich auf einen leeren Sitz und starrte nach draußen. Plötzlich wurde sie angesprochen …

 

Wieder in der Gegenwart …

 

Ihm klangen noch die Ohren von ihrer Ohrfeige, doch dann hatte er sich wieder gefangen und hetzte ihr nach. Er griff nach ihr, erwischte nur ihre Jacke. Sie warf sie ab und verschwand ins nächste Abteil. Die Jacke von sich werfend, da sie nicht sehr appetitlich aussah, jagte er schon wieder hinter ihr her.

„Komm schon, du Pisser! Bist ganz schön lahmarschig. Kommst wohl langsam ins Alter, was?“ Sie lachte ihn tatsächlich aus und hangelte sich von einer Haltestange zur nächsten. Wie ein Affe entwich sie ihm immer wieder, doch dann konnte er sie überrumpeln.

Als er sie endlich geschnappt hatte, musste er die Luft anhalten oder dem Würgereiz nachgeben. Ihr entströmte ein Duft, als wenn sie sich tagelang nicht gewaschen hätte, sie kleidete sich wie ein Schornsteinfeger und hatte die Sprache einer aus der Gosse kommenden Göre. Doch er konnte sie in den Händen halten und das war das wichtigste. Desinfizieren konnte er sich später.

Lara trat um sich, spuckte und kreischte, unflätige Wortfetzen drangen über ihre schwarzen Lippen, ihre Augen ein einziges Weiß wie bei einem tollwütigen Vieh.

Doch sie war ein Fliegengewicht und wenn sie wieder einmal vor Wut einen Hüpfer machte, konnte er sie nach vorne bugsieren. Über sein Funkgerät konnte er Verstärkung rufen und sperrte sie solange in einen Verwahrraum, bis er ein paar seiner Kollegen um sich hatte. Am nächsten Halt war ein Kollege eingestiegen, um die anderen Fahrgäste zu kontrollieren.

Der unglückselige Kontrolleur warf Lara in den Raum und schloss sogleich ab. An der Stahltür donnerte es, doch er grinste nur vor sich hin. Sollte sie sich ruhig austoben, dann hatten sie ein leichteres Spiel. Und wahrscheinlich war es auch besser, wenn sie sich ihre stahlbewehrten Stiefel abstieß.

Nach ein paar weiteren Minuten kam endlich die „Kavallerie“. Zusammen gingen sie in den Raum, aus dem seit zwei Minuten kein Geräusch mehr gedrungen war.

„Also, junge Dame. was war denn los mit Ihnen? Warum dieser ganze Aufriss? Wenn Sie gesagt hätten, dass Sie keinen Fahrschein hätten, dann wären Ihnen ein paar Schwierigkeiten erspart geblieben, aber so …“

Sie starrte ihn nur an, mit hasserfüllten Augen, die plötzlich zu schwimmen anfingen. Jetzt war sie wieder das fünfzehnjährige Mädchen, das sie war.

„Ich wollte das alles nicht. Ist alles seine Schuld!“

Die Sicherheitsleute warfen sich fragende Blicke zu. „Wessen Schuld?“

Sie schien sie nicht gehört zu haben. „Er hatte mir geschmeichelt, schöne Worte und so. Er ist ja auch ein Poet. Er war wirklich sehr nett, wir hatten ein paar schöne Wochen verbracht. Und heute sagte er mir, dass es vorbei ist. Er hat mit mir Schluss gemacht, wegen einer begnadeten Klimperin, ist das zu fassen. Ich war durcheinander, total fertig. Und wenn mich dann noch einer anpöbelt …“ Sie schluchzte noch heftiger, ihr Gesicht eine einzige Maske verschmierten Puders.

 

Am nächsten Tag in der Zeitung …

 

„Nachdem ein rebellisches, von einem Jungen verlassenes, junges Mädchen in der U-Bahn für Furore gesorgt hatte und schließlich gestellt wurde, wurde sie zu einer Geldstrafe von 100€ verdonnert und muss in der darauf folgenden Woche den Zug sauber machen, in dem sie randaliert hatte.“