Jaqueline war noch nicht lange bei meinVZ angemeldet, als sie zuerst ein paar Freunde aus ihrer Schulzeit und nach einiger Zeit Martin Colditz von ihrer Lieblingsband Breathless ausfindig machte. Nach zwei Versuchen hatte sie endlich den Richtigen gefunden und schrieb ihm eine Nachricht.

 

"Hallo Martin. Ich hätte nie gedacht, dass ich dich hier finden würde. Wie geht´s dir so?"

 

Es war mehr als banal, aber etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

 

Nach ein paar Tagen bekam sie eine Antwort.

 

"Hi Jaqueline. Mir geht´s ganz gut. Ich zerbreche mir zurzeit den Kopf über neue Texte. Ist nicht immer so einfach. Und bei dir so? LG Martin"

 

Jaqueline war völlig aus dem Häuschen. Der unwiderstehliche Sänger antwortete ihr! Was schrieb man bloß mit ihm? Was sollte sie ihn so fragen? Am besten, sie schrieb mit ihm wie mit einem ihrer Freunde. Ganz normal. Ist ja vielleicht mal eine Abwechslung für ihn. Denn was andere ihm für Kommentare hinterließen, konnte man bei meinVZ ja sehen. Und wäre sie der Sänger, hätte sie meinVZ schon längst verlassen.

 

"Hi Martin, danke für deine Antwort. Mir geht´s so Lala. Bin gerade mitten in meiner Lehre. Mal anstrengend und dann wieder nicht. Die Schule ist das Schlimmste. Ich kann mir vorstellen, wie das ist, wenn einem nichts einfällt; bin auch gerade am Schreiben. LG Jaqueline"

 

Sie verriet nicht viel und hofft damit, das Gespräch am Laufen zu halten. Vielleicht beißt er ja an. Jaqueline musste nur zwei Tage warten, bis sie wieder eine Antwort bekam. Und sie war mehr als erfreut.

 

"Hi Jaqueline. Was schreibst du denn so? LG Martin"

 

Kurz und knapp, aber sie hatte ihn am Haken. Wenn es um das Schreiben ging, dann waren wahrscheinlich alle Sänger gleich, dachte sie belustigt. Und so schrieb sie ihm schnell eine Antwort, ehe sie in ihren Lehrbetrieb musste.

 

"Hi Martin. Ich schreibe zurzeit an einem Liebesroman. Zur einen Hälfte aus dem wahren Leben und zur anderen reine Fantasterei. Mal nur so eine Frage. Könntest du dir vorstellen, zu einem Buch einen Songtext zu schreiben oder gar ein Album? LG Jaqueline"

 

Jetzt hatte sie sie gestellt, die Frage aller Fragen. Ob überhaupt eine Antwort darauf kam? Sie konnte es sich fast nicht vorstellen. Aber sie hatte sich getäuscht.

 

"Hi Jaqueline. Liebesromane? Ist nicht so meins. Ich lese allgemein nicht gern. Auch keine allzu langen E-Mails. Und auf irgendein Buch etwas zu schreiben, mache ich auch nicht. Sorry. LG Martin"

 

Sie starrte den Bildschirm lange an und konnte es nicht fassen. Das Ding hatte sie voll gegen die Wand gefahren. Das war noch knapper als knapp. Er klang schon fast genervt. Schnell schrieb sie ihm noch eine Nachricht und dann musste sie für den Urlaub packen.

 

"Hi Martin. Hey, kein Ding. Ich war nur neugierig, ob du so etwas machen würdest. Bleibt es eben ein Traum. Träume sind ja auch was Schönes, nicht wahr? Ich muss jetzt Schluss machen und für den Urlaub packen. Es geht an den Gardasee. Da freue ich mich schon sehr drauf. LG Jaqueline"

 

Am nächsten Tag ging es gleich früh in den Urlaub und da hatte sie keine Gelegenheit mehr, nochmal reinzuschauen, ob er geantwortet hatte.

 

Zwei Wochen später kam sie braun gebrannt wieder und nachdem sie alles weggepackt, sich kurz ausgeruht und dann mit den Großeltern gegrillt hatten, fand sie doch noch Zeit, mal ins Internet zu schauen. Nach langem Suchen war sie sehr betrübt. Martin hatte sich bei meinVZ abgemeldet. Sie hatte die kurzen Gespräche doch sehr genossen. Sie blieb auch nicht mehr sehr lange bei meinVZ, denn ihre Freundin hatte sich bei Facebook angemeldet.

 

Ein Jahr später

 

Endlich hielt sie erstes selbst geschriebenes Werk in den Händen. Sie konnte es kaum glauben. ihr Vater umarmte sie glücklich, war es doch ein langer Weg bis dahin.

 

"Ich bin so stolz auf dich!"

 

Jaqueline umarmte ihn auch. Sie hatte Tränen in den Augen.

 

"Euch habe ich es doch erst zu verdanken. Ihr bekommt das Geld auf jeden Fall zurück."

 

Ihr Vater löste sich von ihr, packte sie an den Armen und schaute auf seine zierliche Tochter hinunter.

 

"Das wissen wir doch. Mach dir darüber mal keine Gedanken."

 

Jaqueline strahlte ihn an und dann wieder ihren großen Karton voll Exemplare, über die sie verfügen konnte. Sie hatte es wirklich geschafft. Jetzt muss es nur noch ein Knüller werden.

 

Sie wählte mit Bedacht, wer die Exemplare geschenkt bekam und wer dafür etwas bezahlen muss. Eines hielt sie für sich zurück und eines für jemand Besonderen. Sie wagte es noch einmal und suchte sich die Fanadresse von Breathless heraus. Jaqueline schrieb ihm einen kleinen Brief, brachte sich in Erinnerung und legte ihr Buch dazu.

 

"Hi Martin, ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Ich heiße Jaqueline, wie haben uns vor einem Jahr bei meinVZ geschrieben. Damals hatte ich dich gefragt, ob du dir vorstellen könntest, auf ein Buch einen Song oder ein Album zu schreiben. Nun ist es endlich fertig, mein Erstwerk. Ich möchte es dir einfach nur schenken, ohne Hintergedanken, denn du hattest dich ja damals sehr deutlich ausgedrückt. Ich hoffe, es gefällt dir und vielleicht schreibst du mir ja mal zurück. LG Jaqueline"

 

Sie bekam keine Antwort, gar keine. Sie gab die Hoffnung auf. Es sollte eben doch nur ein Traum sein. Sie sollte sich wirklich etwas Bodenständigeres suchen. Und so ging sie wieder in ihren Lehrbetrieb.

 

Was sie nicht ahnen konnte, war, dass dieser ganz besondere Mensch ihre Homepage gefunden hatte, die sie hauptsächlich wegen ihres Buches aufbaute, aber mittlerweile haben sich auch sehr viele Gedanken, Gefühle, Wünsche und Fotos dort eingefunden. Er verschlang alles, was er dort finden konnte. Jeden Tag schaute er vorbei und hoffte auf eine neue Erkenntnis von ihr, auf ein neues Foto, auf einen neuen Gedanken. Und freute sich schon auf einen besonderen Moment. Er hoffte nur, dass es auch klappte.

 

Eines Tages rufte Jaquelines ‘Mutter aufgeregt nach ihrer Tochter. 

 

"Jaqueline, du hast Post bekommen. Schnell, mach sie mal auf."

 

"Mutti, beruhige dich. Was ist denn los?"

 

Jaqueline kam schnell in die Küche gelaufen und nahm das normal aussehende Kuvert entgegen. Sie drehte und wendete es, konnte aber nichts Außergewöhnliches finden. Fragend sah sie ihre Mutter an.

 

"Schau auf die Adresse!!!"

 

"Das ist ein Postfach in Hamburg. Das kann alles Mögliche sein."

 

Jaqueline wehrte den Gedanken ab, denn mit diesem Thema hatte sie abgeschlossen. Sie sah noch einmal auf den Brief, der sie aufforderte, nach Hamburg zu kommen, zu der und der Adresse. Mehr stand da nicht drin, auch nicht wann sie kommen soll, einfach wann sie Zeit hatte. Das war alles sehr seltsam. Jaqueline hatte gerade ihren Laptop an und googelte die Adresse, aber auch da kam sie auf keinen goldenen Zweig. Sie hatte im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten: entweder fuhr sie hin oder sie warf den Brief weg. 

 

Zwei Tage später saß sie im Auto, hatte sich von ihren Eltern das Versprechen abnehmen lassen, sich sofort zu melden, wenn sie ankam und war nun auf dem Weg nach Hamburg. Diese Stadt wollte sie sowieso mal anschauen und dass sie Urlaub hatte, war eine geradezu göttliche Fügung. Und so fuhr sie in einem gemütlichen, für sie zumutbaren Tempo, da sie solche Strecken einfach nicht gewohnt war. Jaqueline machte ein paar Pausen, wenn sie das Gefühl hatte, zu ermüden, trank einen Kaffee und knabberte an etwas Süßem, bevor sie sich wieder auf den Weg machte. 

 

Stunden später stand sie vor dem Gebäude, welches das Navi als Ziel nannte und staunte über die Maßen. Sie stand vor dem Gebäude von Universal Music. Und es sah wunderschön aus. Da es schon leicht dämmerte, erleuchtete die vordere Front in den schönsten Farben und zeigte das Emblem. 

 

Jaqueline suchte sich in aller Ruhe einen Parkplatz und schlenderte dann zu dem wunderschönen Gebäude. Sie suchte die Rezeption und nannte ihren Namen. Und sie wussten Bescheid! Mit einem freundlichen Lächeln beschrieb sie ihr den Weg.

 

Langsam ging sie die langen Flure entlang und bewunderte die ganzen Covers und Plakate. So etwas sah man ja nicht jeden Tag. Nach einer Weile hatte sie den genannten Raum gefunden. Leise und vorsichtig öffnete sie die Tür. Sie stand in einem Aufnahmestudio, Verdammter Mist! Und wer sang gerade ein Stück ein? Martin Colditz, der unwiderstehliche Sänger von Breathless! Jaqueline konnte es nicht glauben. Sie stand hier, vor ihm, und sah ihm beim Singen zu.

 

Sie bekam gar nicht mit, dass noch andere mit im Raum waren. Und diese fingen an zu flüstern, wussten, wer sie war und wer sie eingeladen hat. Mit erfreuten Gesichtern folgten sie dem Schauspiel, denn sie sahen, dass Martin Gefallen an ihr gefunden hatte.

 

Jaqueline sah sich noch eine Weile an Martin satt, ehe sie sich auf den Text konzentrieren konnte. Und bekam dann große Augen. Er besang tatsächlich eine Stelle aus ihrem Buch! Sie hatte Tränen in den Augen.

 

Martin war sehr erfreut, als er sah, wer leise und vorsichtig durch die Tür kam. Und er war hin und weg. Aus diesem Grund sang er jetzt besonders gefühlvoll und bekam einen seltsamen Blick von seinem Bruder Markus zugeworfen. Auch die anderen bekamen es mit, aber das störte ihn nicht. Sollten sie ruhig spekulieren oder schon bescheid wissen. Er will es richtigmachen. Er beobachtete sie, wie sie ihn beobachtete. Es war ein tolles Gefühl.

 

Jaqueline rannen die Tränen über die Wangen, als sie mit glänzenden Augen beobachtete, wie er ihrer Geschichte sehr gefühlvoll und emotional Ausdruck verleiht. Sie beobachtete ihn, wie er langsam die Kopfhörer absetzte, sie eine Weile in den Händen hielt und dann aufhängte. Noch langsamer kam er durch die Tür auf sie zu. Jaqueline wusste, dass er groß war, aber als sie nun zu ihm aufschauen musste, kam sie sich noch zierlicher vor.

 

Als Martin endlich vor ihr stand, musste er sehr an sich halten, dass er sie nicht einfach in die Arme nahm.

 

"Und, wie gefällt es dir?", fragte er sehr leise.

 

"Wundervoll, du hast es genau getroffen.", lächelte sie ihn an.