Jaqueline und Martin saßen in einem gemütlichen kleinen Café und unterhielten sich. Ein bisschen versteckt befanden sich zwei Bodyguards, aber Jaqueline sah sie gar nicht, so gut sind sie. Am Anfang war sie noch ein bisschen befangen gewesen, sich so normal mit Martin zu unterhalten, aber das hatte sich zum Glück gelegt, denn man konnte sich unwahrscheinlich gut mit ihm unterhalten.

 

"Sag mal, wie hattest du dir denn das Album vorgestellt? Es wird doch ein Album?!", wollte Jaqueline wissen.

 

Martin grinste sie an, er genoss diese Zweisamkeit ungemein. Und sie war einfach so erfrischend offenherzig. Das hatte er nicht erwartet.

 

"Ja, es soll ein ganzes Album werden. Deine Geschichte ist ja so vollgepackt, da könnte man glatt zwei Alben schreiben. Wenn ich deine Freundin Evelyn kennen würde, würde ich wahrscheinlich auch ihre Geschichte schreiben, aber die von Vic ist sehr viel vielschichtiger und komplexer."

 

Er ahnte schon, dass Jaqueline Vic ist, aber er wollte es sich unbedingt von ihr bestätigen lassen. Und als sie ihn mit ihren großen, graugrünen Augen ansah, wusste er, dass er recht hatte.

 

"An was hast du erkannt, dass ich Victoria bin?", fragte sie ihn sehr erstaunt.

 

"Zuerst einmal hast du deine Optik eins zu eins übertragen ..."

 

Sie sah an sich herunter und er grinste sie an.

 

" ... dann trägst du die gleiche Melancholie und Zerbrochenheit in dir, lässt es aber Außenstehende nicht erkennen ..."

 

Jaqueline wurde langsam rot und schaute auf ihre Kaffeetasse.

 

" ... und du lachst für dein Leben gern.", schloss Martin und beobachtete, wie sie nervös an ihrem Henkel spielte und dann zu ihm aufschaute.

 

"Du hast eine sehr gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis, nicht wahr?", fragte sie leise.

 

Martin schaute sie lange an und lächelte dann langsam.

 

"Das konnte ich schon immer und ist in meinem Beruf von großer Hilfe und Bedeutung. So weiß ich, wem ich vertrauen kann und wem nicht."

 

Auch Jaqueline blickte ihm lange in die Augen und nickte dann nur. Dann schwiegen sie beide, aber es wurde nicht peinlich. Sie blickten beide auf die Elbe hinaus und genossen die warmen Sonnenstrahlen.

 

Martin schaute zu seiner Begleiterin rüber und konnte ihr Profil studieren. Sie war wirklich wunderschön, aber damit meinte er nicht einmal ihr Äußeres, auch wenn es wirklich ansprechend war. Sie strahlte es aus und ergänzte ihn damit. Ihm kam eine Idee.

 

"Jaqueline?"

 

Sie erschrak nicht, was ihn aus irgendeinem Grund sehr erfreute. Sie schlug nur langsam die Augen auf, blinzelte in die Sonne und blickte dann zu ihm rüber. Lächelnd.

 

"Ja?"

 

"Sag mal, wie lange kannst du denn bleiben?"

 

Jaqueline schaute ihn ein bisschen verdattert an, denn anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, so eine Frage gestellt zu bekommen.

 

"Ich habe gerade Urlaub, deshalb empfand ich es geradezu als eine göttliche Fügung, als die Einladung ankam. Es sind noch 12 Tage übrig." Neugierig blickte sie ihn an. "Warum fragst du?", setzte sie leise hinzu.

 

Mit einem verschmitzten Lächeln schaute er zu ihr rüber und drehte sich dann so, dass er sie direkt ansehen kann.

 

"Was hältst du davon, zu mir nach Hause zu kommen und deinen Urlaub in unserem Gästezimmer zu verbringen?", fragte er sie dann geradeheraus.

 

Martin wäre beinahe in Lachen ausgebrochen, als er sah, wie sie herumfuhr und fast vom Stuhl fiel. Aber stattdessen nahm er ihre Hand und drückte sie, als er die Tränen sah, die ihr in die Augen stiegen. Auch Jaqueline drückte sie und nickte dann einfach, mit leuchtenden Augen. Er ließ seinen Daumen über ihr Handgelenk gleiten, ein paar Mal, bis sie rot wurde. Da entließ er sie mit einem kleinen Lächeln. Langsam zog sie die Hand weg, strich sich sehr feminin das Haar zurück und zog sich mit ihrem Handy an die Uferpromenade zurück.

 

Wage bekam er mit, dass sie mit ihren Eltern telefonierte und ihnen berichtete, wo sie ihren Urlaub verbrachte. Mit einem Lachen verabschiedete sie sich und genoss die Aussicht. Martin bezahlte schnell und schnappte sich ihre Handtasche, als er dann zu ihr trat und sie bei sich einhakte. In vernehmlichen Schweigen liefen sie langsam die Promenade entlang, bis sie wieder im Studio waren.

 

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und Jaqueline hat sich wunderbar bei den vier jungen Männern eingelebt. Sie hat viel Spaß bei ihnen und konnte schon ein bisschen was lernen, was die Songschreiberei betrifft. Jaqueline durfte vieles bestimmen bei diesem Album, denn es war ihre Geschichte, ihr Buch. Sie hatte noch nie so viel Zeit in einem Tonstudio verbracht wie in den letzten Tagen. Sie ließ sich für die letzte Nacht noch einmal die Texte geben, um ein bisschen über den Inhalt nachzudenken. 

 

Martin hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen und ging seine sozialen Foren durch, als er im Nebenzimmer, im Gästezimmer, einen leisen Gesang hörte. Er legte sein Smartphone weg und horchte genau hin, mit einem leisen Lächeln im Gesicht. Ihm schoss gerade eine Idee durch den Kopf, die er unbedingt verwirklichen wollte. Aber da muss er erst mit seinem Bruder reden und die Crew überzeugen. Aber er sah da keine Schwierigkeiten. Immerhin war die Band sein Baby und er bestimmte, wo es langging und was geändert werden sollte. Er und sein Bruder Markus.

 

Martin schoss hoch, als er am nächsten Morgen sehr rüde von seinem Bruder geweckt wurde.

 

"Markus, ich muss dir unbedingt was erzählen. Gestern habe ich eine wundervolle Stimme gehört, und ich möchte, dass sie auf dem Album mitsingt."

 

Markus sah ihn sehr erstaunt an und auch ein bisschen skeptisch, vermutete er doch, dass bei seinem Bruder gerade die Frühlingsgefühle ausgebrochen sind.

 

Und Martin scheint genau zu wissen, was sein Bruder gerade dachte.

 

"Ich bin nicht verrückt geworden. Ich bin meine sozialen Netzwerke durchgegangen und da habe ich dann Jaqueline singen hören und sie klang einfach wundervoll. Ihre Stimme passt wunderbar zu meiner."

 

Markus hatte ihm zugehört und die Schwingungen in der Stimme seines Bruders vernommen. Bei ihm sind die Gefühle ausgebrochen, ja, aber er wusste auch, dass sich Martin selten bei etwas irrte, und schon gar nicht, wenn es um Gesang geht.

 

"Also gut, ruf die Studiobosse an."

 

Er legte ihm die Hand auf die Schulter, dann verließ er wieder das Zimmer.

 

Jaqueline hatte wie immer wunderbar geschlafen. Aber heute mischte sich auch eine leise Wehmut mit ein, es war der letzte Tag. Langsam machte sie sich fertig und ging zum Frühstück runter. Dort warteten schon die Kerle. Wie immer redeten sie über Gott und die Welt, aber es hatte sich etwas geändert. Eine kleine Schwingung hatte sich eingeschlichen, nicht ganz greifbar. Sie ließ es erstmal auf sich beruhen.

 

Martin war schon so sehr auf sie eingestimmt, dass er genau spürte, wenn sie etwas spürte. Er wusste, dass ihr etwas aufgefallen war, aber sie wusste es nicht zu bestimmen. Im Raum wusste schon jeder Bescheid und er hatte die Genehmigung der Produzenten. Jetzt galt es nur noch, ihr eine wundervolle Überraschung zum Abschied zu geben.

 

Egal wie oft Jaqueline in diesen zwei Wochen das Gebäude von Universal schon gesehen hatte, es sieht immer wieder schön aus, dieses riesige Emblem, das je nach Tageszeit immer wieder anders schimmerte. Langsam ging sie die Gänge entlang und schaute sich mal wieder die ganzen Cover an. Genau wie am ersten Tag. 

 

Sie machte als letzte die Tür zu und bekam fast einen Schreck. Die ganze Crew plus Produzenten und mindestens zwei höheren Tieren saß im Aufnahmestudio. Und sie sahen sie erwartungsvoll an. Fragend schaute sie zu Markus, dann zu Alexander, dem Bassisten und zum Schluss zu Daniel, dem Drummer, aber alle lächelten sie an und wiesen ihren Blick zu Martin. 

 

"Ist heute ein besonderer Tag?"

 

Martin sah ihr lange in die Augen, bevor er ihre leise Frage beantwortete.

 

"Ich habe dich gestern Abend singen hören und es klang einfach wundervoll. Genau das habe ich noch gesucht für das Album. Eine weibliche Stimme, die exakt zu meiner passt und die die Geschichte erzählen kann."

 

Er sah, wie sie immer roter wurde und sich verlegen unter den Blicken wand.

 

"Und wer wäre da besser geeignet als die Frau, deren Geschichte es ist? Beziehungsweise, die das Buch geschrieben hatte."

 

Martin beobachtete, wie sie buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle rot wurde. Sie fing an, wirres Zeug zu stammeln, warum sie es tat, wieso sie es versucht hatte, weshalb sie es jetzt nicht konnte. Er fand sie einfach nur erfrischend. Langsam zog er sie in den Aufnahmeraum, sie widersetzte sich nur halbherzig. 

 

"Aber Martin, ich ... ich kann nicht singen ...", er warf ihr einen ungläubigen und zugleich überlegenen Blick zu, hatte er sie doch gehört, "... na ja, nicht vor Publikum. Ist doch immer so, unter der Dusche ist das kein Problem, aber vor anderen Menschen? Ich kann das ja nicht einmal vor meinen Eltern oder meiner besten Freundin."

 

Martin hatte ihr zugehört und lächelte sie jetzt beinahe zärtlich an. Dann drehte er sie behutsam um, bis sie vor der Trennscheibe stand.

 

"Weißt du, was das Besondere an diesen Scheiben hier ist? Sie lassen sich abblenden. Du würdest sie nicht sehen, die anderen, nur ich wäre hier und würde dir zuhören. Ist das in Ordnung für dich?"

 

Jaqueline ist unschlüssig und schaute noch einmal zur Scheibe, die sich wie durch Zauberhand plötzlich veränderte. Sie sah jetzt nur noch sich selbst ... und Martin natürlich. Langsam drehte sie sich wieder zu ihm um und schenkte ihm ein kleines schüchternes Lächeln.

 

"Ja das ist in Ordnung." Und wurde wieder bezaubernd rot.

 

Martin nickte ihr zu und reichte ihr einen Text. Dann setzten sie sich beide die Kopfhörer auf. Jaqueline sah auf den Songtext und stellte fest, dass es der ist, den sie gestern versucht hatte, zu singen. 

 

"Ich weiß, dass es sehr schwer ist, zu versuchen ein Lied einzusingen, wenn man keine Melodie zur Verfügung hat, aber versuche es erst einmal so wie gestern Nacht und dann probieren wir es mit einer Melodie, die wir uns für diesen Song ausgedacht hatten. Okay?"

 

Jaqueline starrte ihn an und nickte dann. Sie will es noch einmal versuchen, für ihn. Und fing sofort an. Martin sah sie leicht erschrocken an, denn ihre Stimme dann noch einmal in natura zu hören, ohne störende Zwischenwände, war noch einmal ein anderes Kaliber, aber er hatte sich nicht getäuscht. Wenn, dann klang sie so noch besser. Wärmer, tiefer, erstklassig. Als ob sie es studiert hätte. Aber er wusste aus Erfahrung, dass die besten Stimmen nicht die gelernten sind, sondern aus Kehlen kommen, die aus purer Leidenschaft singen. Er hörte ihr völlig vernarrt zu, aber sein Gehör spielte trotzdem mit. 

 

Die wartende Crew schaute mit offenen Mündern zu, wie dieses kleine Ding diesen Song performed. Und Markus musste wieder einmal innerlich lachen, als er die Bestätigung bekam. Sein Bruder irrte sich nie bei Gesang. Sie klang wirklich einmalig und würde hervorragend zu ihm passen, in vielerlei Hinsicht. Ihr Gesang wurde aufgenommen. Sie hatte schon ein super Gefühl für die Melodie und sie sind sich fast sicher, dass Martin möchte, das für diesen Song eine neue Melodie geschrieben wird, die zu ihrer Version passte. 

 

Die letzte Note verklang und die Trennwand wurde wieder sichtbar gemacht. Und was sie sah, konnte sie nicht glauben. Alle standen und gaben ihr sozusagen eine standing ovation. Wieder wurde sie rot und schaute leicht irritiert zu Martin hoch, der ihr einen Blick zuwarf, den sie überhaupt nicht deuten konnte. 

 

Martin konnte nicht anders, er nahm langsam ihr rechte Hand, hob sie an seine Lippen und drückte ihr einen leichten Kuss auf. "Du bist unglaublich. So eine Stimme habe ich gesucht. Du hast eine unglaubliche Ausstrahlung. Tut mir leid, wenn ich mich wiederhole ... ich bin einfach so fasziniert von dir ... mir fehlen da die Worte."

 

Jaqueline starrte ihn an und wurde schon wieder rot. Sie wusste ja, das er sehr gute Manieren hat, aber das sah man dann doch selten. Mit einem kleinen Seitenblick schaute sie zu seinem Bruder, der starrte seinen Zwilling kurz verdattert, aber dann doch verständnisvoll an, er scheint etwas zu spüren, und blickte dann zu ihr. Mit einem kleinen Nicken in Martins Richtung gab er ihr zu verstehen, darauf einzugehen.

 

"Dann lass uns doch singen.", hauchte sie. Mit einem Leuchten in den Augen nickte Martin ihr zu, fragte sie aber vorher ohne Worte, ob sie zuschauen dürfen. Sie schaute kurz zu ihrem Publikum und nickte dann. Dann fingen sie an.

 

Nach einer Stunde Gesang und Aufnahme waren sich alle sicher, dass sie die Richtige dafür war. Sie schmiedeten schon Pläne, wie, wo, warum, weshalb. Aber da musste Martin sie dann doch ein bisschen bremsen. Da er von allen sich am längsten mit Jaqueline unterhalten hatte, wusste er auch, dass sie zuerst ihre Lehre beenden möchte, ehe sie sich einem neuen Projekt widmen kann. Und so machten sie eben lockere Termine aus, an denen sie kommen kann. Wenn sie zum Beispiel am Wochenende nicht arbeiten muss und sozusagen Freitag schon mittags fertig ist, dann kann sie sich in den Zug setzen und nach Hamburg fahren. 

 

Nach einem emotionalen Abschied von der Crew und einigen festen Umarmungen von der Band, ging sie mit Martin zu ihrem Auto. Was sie nicht ahnen konnten, war, dass die gesamten Fenster zum Leben erwachten, um ja alles mitzubekommen. 

 

Jaqueline räumte ihre Koffer und Tasche in den Kofferraum und drehte sich dann langsam zu Martin um, der schon wieder diesen seltsamen Ausdruck in den Augen hatte. Sie hatten sich in diesen zwei Wochen schon viel unterhalten und trotzdem wusste sie jetzt nicht, was sie sagen sollte. Und so schaute sie zu ihm hoch und dann wieder weg, immer auf der Suche nach einem sinnvollen Gesprächsanfang. 

 

"Martin ... ich weiß nicht was ich sagen soll. Diese Zeit war einfach wundervoll und ich kann es gar nicht abwarten, wieder hierher zu kommen. Ich möchte dir danken, dass du mir diese einmalige Chance gibst. Ich ..." Weiter kam sie nicht, denn sie wurde in eine stürmische Umarmung gerissen und fest an Martin gedrückt.

 

"Du brauchst mir keinen Honig ums Maul schmieren ...", ein unterdrücktes Lachem grummelte in seiner Brust. "Ich bin es doch der zu danken hat. Das du überhaupt hierhergekommen bist, obwohl ich mich überhaupt nicht mehr gemeldet hatte." Jaqueline lauschte seinen Worten und erstarrte bei seinem nächsten Satz. "Ich habe seit deinem letzten Brief deine Homepage ausfindig gemacht und war jeden Tag drauf, um deine neuen Erkenntnisse, Gedanken und Fotos aufzusaugen."

 

Darauf wusste sie nichts mehr zu sagen, aber das war auch nicht notwendig. Und so genoss sie die Umarmung und schmiegte sich noch ein wenig fester an ihn. Martin fasste das als positive Reaktion auf und genoss es genauso. So veränderte er ein wenig seine Haltung und legte sein Kinn auf ihren Kopf und schaute in den Sonnenuntergang. Nach einer Weile löste er sich ein wenig von ihr und schaute wieder auf sie hinunter. Dann neigte er seinen Kopf und gab ihr einen langen und schmelzenden Wangenkuss. Jaqueline schloss die Augen, bei dem sie durchzuckenden Gefühl. 

 

Als Martin sich wiederaufrichtete, schaute sie mit leuchtenden Augen zu ihm auf, ehe sie in ihren Wagen stieg. Dann schnallte sie sich an, stellte das Navi ein und blickte noch einmal zu ihm hoch, legte die Hand an die Scheibe. Und dann leuchtete noch ein kleines Lächeln auf, als er seine Hand auf ihre legte. Dann fuhr sie los und biegte um die Ecke, dem Sonnenuntergang entgegen. Martin blieb und schaute ihr nach, dann drehte er sich um und verschwand in dem großen Gebäude von Universal.